Wenn eine Zeitung das Maß verliert

18. November 2013 | Von | Kategorie: Aus der Praxis
Auf etwas mehr als einer halben Seite: Zündstoff in der Siegener Zeitung vom 30.10.2013 (Screenshot der pdf-Datei des Artikels)

Auf etwas mehr als einer halben Seite: Zündstoff in der Siegener Zeitung vom 30.10.2013 (Screenshot der pdf-Datei des Artikels)

Am 30. Oktober 2013 erschien in der Printausgabe der Siegener Zeitung (Lokalteil, Seite 3) ein etwas mehr als halbseitiger Artikel betitelt „Eine Entwicklung mit Zündstoff“. Hauptaussage des Artikels war, dass in der Gemeinde Burbach die Zunahme von Ladendiebstählen sowie zwei Körperverletzungen durch Asylbewerber Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreiten, insbesondere bei dem weiblichen Ladenpersonal Burbachs. Im Artikel kommt der Bürgermeister der Gemeinde zu Wort, ein Sprecher der betroffenen Händler, eine Händlerin sowie die Pressesprecherin der Erstaufnahme-Einrichtung, aus der ein Großteil der besagten Diebe stammte. Ihre Zitate beziehen sich auf das gestohlene Diebesgut, das Vorgehen einiger Diebe, die Maßnahmen der Gemeinde, der Händler und der Einrichtung gegen weitere Diebstähle. Ein geschätztes Sechstel des Textes bezog sich auf jene Personen aus dieser Einrichtung, die keine Diebstähle begehen.

Brandgefährliche Entwicklung? Mafia? NSA?

Ein Artikel wie jeder andere in einer Lokalzeitung, scheint es. Doch wer genau hinschaut, stellt fest, dass hier eine halbe Zeitungsseite darauf verwendet wurde, aus sieben Ladendiebstählen und einem Ehestreit ein Schreckensszenario zu konstruieren. Wetter gibt mit dem Titel, dessen stärkstes Wort er gleich im dritten Satz noch einmal wiederholt („Nun gibt es richtig Zündstoff“), die Richtung vor.

Der Text beinhaltet Sätze wie „beklagen nicht wenige Angestellte – vornehmlich weibliche -, sich bei der Ausübung ihrer Arbeit derzeit nicht mehr sicher zu fühlen“, „sind es mehrheitlich die jüngeren Flüchtlinge, die Angst verbreiten“, „Offiziell dürfen bzw. wollen die Ladeninhaber und ihre Angestellten nichts sagen. Zu sensibel sei das Thema.“, „Zudem wolle man keine Stimmung machen“, „zu sehr brennt das Thema unter den Nägeln“, „Aus diesem Grund habe man die Polizeipräsenz im Ort verstärkt“. Auf den ersten Blick und jeder für sich genommen scheinen diese Sätze ganz sachlich Tatsachen und Aussagen wiederzugeben.

Doch es geht hier um gerade einmal sieben Ladendiebstähle und einen handgreiflichen Ehestreit, die aber auf einer halben Seite behandelt werden und mit „Zündstoff“ überschrieben sind. Dies allein impliziert schon, dass es sich hier um eine außergewöhnliche und brandgefährliche Entwicklung handeln muss, die eine Gefahr für die gesamte Bevölkerung Burbachs darstellen könnte. Hinzu kommt, dass Wetter „nach gesicherten SZ-Informationen“ berichtet und einige Informationen „aus sicherer Quelle“ erfahren haben will – was Assoziationen einer Ermittlung gegen die Mafia oder den NSA hervorruft. Bei sieben Ladendiebstählen und einem Ehestreit. Anders als der Journalist bewertet der Sprecher der betroffenen Händler die Lage laut Artikel so: „Wir sprechen hier von einzelnen ,schwarzen Schafen’.“

Zeitungen schaffen Realitäten

In vielen Gegenden Deutschlands wächst 21 Jahre, nachdem in Rostock-Lichtenhagen ein Haus voller Asylbewerber von jubelnden Deutschen in Brand gesteckt wurde, die Ausländerfeindlichkeit und gipfelt in zunehmenden Märschen von Neonazis und anderen Rechtsgerichteten gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Mit Hinblick auf diese stete Bewegung nach rechts frage ich als Journalistin mich, ob es angemessen ist, einen Bericht mit derart suggestiver Sprache über vergleichsweise geringfügige Geschehnisse auf Seite 3 über eine halbe Seite laufen zu lassen. Oder ob es nicht eher die Aufgabe einer vermeintlich neutralen Zeitung ist, in diesen Zeiten noch stärker auf einen neutralen Gebrauch der Sprache und eine Ausgewogenheit der Fakten zu achten, anstatt durch suggestive Sprache und Übertreibungen neue Realitäten zu schaffen.

„Nie darf ein Zweifel daran bestehen, dass ich als Reporter verantwortlich bin für die Realität, die ich mit meiner Geschichte schaffe.“

Dies war einer der Grundsätze des kürzlich verstorbenen Spiegel-Reporters Jürgen Leinemann. Eine Zeitung wie die Siegener Zeitung, die von jeher sehr konservativ geprägt war, die in Zeiten des Dritten Reichs als Sprachrohr der Nazis fungiert hat – müsste es sich so eine Lokalzeitung nicht erst recht zur Aufgabe machen, mit allen Kräften neutral zu berichten? Wohlgemerkt: es handelt sich bei dem Artikel nicht um einen Kommentar, sondern um einen Bericht.

Zündstoff auch online: Screenshot der pdf-Datei des Online-Artikels der Siegener Zeitung vom 30.10.2013

Zündstoff auch online: Screenshot der pdf-Datei des Online-Artikels der Siegener Zeitung vom 30.10.2013

Eine Kurzversion des Printartikels wurde noch am selben Tag auf der Website der Siegener Zeitung veröffentlicht (s. Screenshot). Er war von über 7.000 Zeichen auf nicht einmal 2.000 Zeichen zusammengekürzt worden. Sämtliche Zitate waren gestrichen, auch die Fürsprache für die Flüchtlinge durch den Händler-Sprecher. Übrig blieben Sätze wie „Nun gibt es richtig Zündstoff“, „Wie die SZ aus sicherer Quelle erfahren hat, sind bis heute weitere Anzeigen erfolgt.“ und „Fast täglich könnte die Pressestelle ihre Zahlen korrigieren.“ Der Artikel schließt mit „Darüber hinaus beklagen nicht wenige Angestellte – vornehmlich weibliche -, sich bei der Ausübung ihrer Arbeit derzeit nicht mehr sicher zu fühlen.“ Es gab keinen Hinweis darauf, dass es eine ausführlichere Version dieses Artikels in der Printausgabe gibt. Somit stellte der Online-Artikel die Situation aufgrund dieser Kürzung noch verzerrter dar.

Kaum Moderation der Diskussion auf Facebook

Ein Link zum Online-Artikel wurde auf der Facebook-Seite der Siegener Zeitung und auf anderen Siegener Facebook-Seiten gepostet, was dort zahlreiche Reaktionen hervorrief. Nachdem einige LeserInnen den Online-Artikel in ihren Facebook-Kommentaren als unsachlich und aufhetzend anprangerten, folgten zahlreiche ausländerfeindliche und rechtsgerichtete Kommentare wie „direkt zurück in die Heimat schicken ohne wenn und aber“ oder ein Ruf nach einem neuen Adolf Hitler. Die jeweiligen Betreiber der Facebook-Seiten griffen nur unwesentlich moderierend ein, bei der Siegener Zeitung wurde lediglich bei Kommentaren, die sich auf die journalistische Qualität des Artikels bezogen, moderierend eingegriffen. Bei der Polizei Siegen-Wittgenstein liefen unterdes mehrere Anzeigen gegen einige der Kommentatoren ein.

In der Folge griffen andere Medien diese Vorgänge auf, darunter der SiegerlandKurier, Der Westen und Die Ruhrbarone. Sie kamen jedoch zu einem ganz anderen Schluss als die Siegener Zeitung: Sie fanden, nicht die Taten der Asylbewerber seien Zündstoff, sondern die Siegener Zeitung zündele selbst. Einige Fans der Sportfreunde Siegen protestierten bei einem Spiel des Regionalligisten mit einem Transparent mit der Aufschrift „Refugees welcome“ (Flüchtlinge sind willkommen).

Ich habe bei Michael Wetter, dem Journalisten beider Artikel, nachgefragt, wer den Artikel für die Online-Fassung gekürzt habe, ob er selbst die beiden Artikel (Print und Online) für ausgewogen und sachlich halte, wie er zu der durch den Artikel ausgelösten ausländerfeindlichen Hetze auf Facebook stehe, ob er bei sich selbst eine Verantwortung dafür sehe und ob er daraus Konsequenzen ziehen werde. Ich habe bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogposts keine Antwort erhalten.

Chefredakteur weicht aus

Ich habe darüber hinaus beim Chefredakteur der Siegener Zeitung, Dieter Sobotka, u. a. um Stellungnahme zur Ausgewogenheit und Sachlichkeit beider Artikel sowie zu seiner Verantwortung und den Konsequenzen, die er daraus zieht, gebeten. Sobotka schrieb, nachdem, wie er sagte, weitere Anfragen dieser Art an ihn gerichtet wurden, 17 Tage nach Erscheinen des Artikels einen Leitartikel in der Printausgabe der Siegener Zeitung von Samstag, dem 16.11.2013. Er betitelte ihn mit „Der falsche Weg. Verschweigen löst keine Probleme“ und weicht darin dem, was ihm in seiner Position als Chefredakteur anzulasten ist, aus. Er schreibt, der Umbau der Website der Siegener Zeitung sei der Grund, warum der Artikel online wesentlich verkürzt worden war. Allerdings startete die neue Website erst 5 Tage nach Erscheinen des Artikels. Und einige Zeit später wurde die verkürzte Version „auf Grund der Diskussionen in den vergangenen Tagen über diesen Online-Artikel“ um die (nicht einmal html-befreite) Version des Printartikels verlängert.

Chefredakteur Sobotka schreibt außerdem in seinem Leitartikel: „Leider befinden wir uns in einigen Bereichen bereits auf einem „Schweigemarsch“. Wir sind in der medialen wie in der öffentlichen Diskussion dabei, Ereignisse zu „bereinigen“ und auch bei der Integration von Menschen Probleme auszublenden oder zumindest zu kaschieren.“
Auch damit geht er dem eigentlichen Thema aus dem Weg. Denn der Siegener Zeitung wurde nicht vorgeworfen, über die falschen Probleme zu schreiben, sondern es ging darum, dass sie Probleme überhaupt erst entstehen lässt, indem sie unausgewogen schreiben lässt und eine Anzahl von sieben Ladendiebstählen und einem Ehestreit in einem halbseitigen, suggestiven Artikel zu einer Größe aufbläst, die den realen Vorgängen und Zuständen gar nicht entspricht. Dass die Siegener Zeitung über Schokoriegel- und Nähgarndiebstähle in ähnlicher Zahl, die von Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft begangen wurden, berichtet, muss man nach Lage der Dinge bezweifeln.

Sobotka hat sich mit seinem Leitartikel keinen Gefallen getan. Er zieht im Zusammenhang mit einer Frage nach der Legitimität eines halbseitigen Artikels einen Vergleich zu Gesprächen über Moschee-Neubauten und ihre Minarette oder über Sozialbetrug – Diskussionen, deren Gründe seiner Ansicht nach ausgeblendet oder kaschiert würden. Er ereifert sich darüber, dass Menschen, die über solche Dinge sprächen, rein aus Bequemlichkeit und ganz automatisch „virtuelle Springerstiefel verpasst“ bekämen. Und schreibt wenig später, es sei der Lokalredaktion in Burbach klar gewesen, dass „ein Bericht über Verfehlungen von Asylsuchenden Vorurteile schüren würde“. Doch war man nicht der Ansicht, dass ein in dieser Weise verfasster Bericht Vorurteile gegenüber Asylsuchenden und AusländerInnen schüren würde, sondern „Vorurteile gegenüber der Siegener Zeitung, begleitet vom Vorwurf, sie spiele Rechten in die Hände“.

Sachliche Richtigkeit darf nicht der einzige Gradmesser sein

Sobotka schreibt, Probleme würden nicht verschwinden, wenn man sie ausblende. Stimmt. Das gilt auch für Probleme innerhalb einer Redaktion, die bis zur höchsten Stelle nicht erkennt, mit welcher Art von parteinehmender, aufwiegelnder Sprache und unausgewogener Berichterstattung ihr eigenes Blatt an die Öffentlichkeit tritt.

Auf meine Frage der Ausgewogenheit, die ein wichtiges Merkmal eines guten journalistischen Berichtes ist, geht Sobotka nicht ein. Für ihn stellt sich das Ganze so dar: „Im Online-Artikel fehlten Passagen, gleichwohl sind beide Berichte sachlich richtig.“ Sachliche Richtigkeit ist jedoch nicht das einzige Merkmal eines Berichtes. Auch die Sprache und die Auswahl der Aussagen und Zitate spielen eine ganz wesentliche Rolle. Sie entscheiden über die Neutralität eines Artikels und über die Möglichkeiten der LeserInnen, sich ein eigenes Bild machen zu können. Dass der Online-Artikel durch das Weglassen der Zitate und anderer Textstellen eine ganz andere Aussage trifft als der Print-Artikel, sieht der Chefredakteur nicht.

Die Konsequenz Sobotkas aus der ganzen Sache ist: „Komplexe Sachverhalte werden nicht mehr in Online-Artikeln verkürzt dargestellt.“ Und seit dem 30. Oktober vermeldet auch die Facebook-Seite der Siegener Zeitung nichts anderes mehr als Standorte von Radarfallen auf Straßen rund um Siegen. Ist das der Gang einer Zeitung ins 21. Jahrhundert?

Ein Blick auf fehlende Fakten

Was die Fakten des Artikels von Michael Wetter betrifft, wäre dem Artikel der Ausgewogenheit halber noch Folgendes hinzuzufügen:

Es sind im Durchschnitt etwa 400 bis 450 Flüchtlinge vorübergehend in Burbach untergebracht. Sie kommen aus Kriegsgebieten oder sahen in ihrer Heimat keine Zukunft mehr und wagten deshalb eine oft lebensgefährliche Flucht in ein hoffentlich besseres Leben. Sie haben ihre Familien, ihr Zuhause, alles, was sie kannten und was ihnen vertraut war, zurückgelassen oder zurücklassen müssen.

Sie sind in einem Land angekommen, wo sie in alten Militärkasernen untergebracht sind, wo sie nichts mehr selbstbestimmt tun dürfen und wo sie in keiner Minute sicher sein können, ob sie dauerhaft bleiben dürfen oder ob sie wieder weggeschickt werden. Sie dürfen nicht arbeiten, um sich selbst ihre Angehörigen selbstständig versorgen zu können, und viele bekommen erst nach Monaten die Möglichkeit, die deutsche Sprache zu lernen.

Sie sind auf unbestimmte Zeit von der Barmherzigkeit und dem Wohlwollen eines Staates und seiner BürgerInnen vollkommen abhängig. Auf Gedeih und Verderb. Wer nicht weiß, wie es Flüchtlingen körperlich und psychisch geht und unter welchem Druck sie stehen, sollte sie einmal fragen, oder zumindest diejenigen, die während des Dritten Reichs ihre Heimat verlassen und hier im Westen, wo sie oftmals nicht willkommen waren, versuchen mussten, wieder Fuß zu fassen. Sie durften jedoch arbeiten – ein Fakt, der vielen ihre Menschenwürde wieder zurückgegeben hat.

Der stellvertretende Pressesprecher der Polizei Siegen-Wittgenstein, Meik Reichmann, sagte mir, das Diebesgut aus den Ladendiebstählen sei ausschließlich Ware zum alltäglichen Bedarf gewesen, u. a. Nähgarn und Schokoriegel. Er relativierte das Bild, das die Siegener Zeitung zeichnete: „Es waren keine schwerwiegenden Eigentumsdelikte. Die Körperverletzungen waren minderschwer – ein Ehepaar hatte sich gestritten und es war zu Handgreiflichkeiten gekommen. Was die Diebstähle innerhalb der Einrichtung angeht, wurden diese nicht zur Anzeige gebracht. Genauso hat es keine Anzeigen oder Meldungen seitens weiblichen Ladenpersonals wegen des Gefühls der Bedrohung gegeben.“ Reichmann fügte hinzu: „Straftaten werden in Burbach aber auch passieren, wenn die Flüchtlinge wieder weg sind.“

Aussagen werfen ein anderes Licht auf die Vorgänge

In den ehemaligen Siegerland-Kasernen sind laut Christoph Söbbeler, dem Pressesprecher der für Flüchtlingsfragen in Nordrhein-Westfalen zuständigen Bezirksregierung Arnsberg, Kriegs- und Armutsflüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern untergebracht. Burbach sei für sie eine Übergangsstation, von der aus sie in der Regel nach drei bis fünf Tagen nach Dortmund und Bielefeld weiterverteilt würden. „Sie erhalten in Burbach Unterkunft, Bekleidung und Mahlzeiten. Bargeld erhalten sie meistens erst dann, wenn sie nach Dortmund oder Bielefeld kommen.“

Dieses sogenannte „Taschengeld“ beliefe sich auf 144 Euro monatlich für Erwachsene und 80 Euro monatlich pro Kind. Sollten sie aus verwaltungstechnischen Gründen länger als 3-5 Tage bleiben müssen, würde ihnen das Taschengeld anteilig auch schon in Burbach ausgezahlt. „Wie viel Bargeld die Flüchtlinge selbst mitbringen“, so Söbbeler, „wissen wir ebenso wenig wie die Anzahl der Tage oder Wochen, die die Flüchtlinge bereits auf der Flucht sind.“

Er sagt weiter, die Bezirksregierung „ist der Gemeinde Burbach sehr dankbar. Wir haben großen Respekt davor, dass die Unterbringung der Flüchtlinge so kurzfristig, problemlos und pragmatisch vor sich ging.“ Eine nicht unbedeutende Aussage, die die Stimmung innerhalb der Gemeinde Burbach in einem anderen Licht erscheinen lässt als der Artikel der Siegener Zeitung. Normalerweise schlagen sich die Orte ja nicht darum, Flüchtlinge aufzunehmen, wie Meldungen aus Orten wie Schneeberg oder Berlin-Hellersdorf nur allzu deutlich zeigen. „Aber wenn es so positiv läuft, muss man das auch mal sagen“, so Söbbeler. „Es kommt immer wieder mal zu solchen unerwünschten Ladendiebstählen“, relativiert auch er die Aussage des Artikels, „aber die kommen unter Umständen auch in einer Kommune ohne eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge vor.“

Journalismus muss Hilfsmittel zur Meinungsbildung sein, nicht Meinungsbilder

Fakten und Aussagen, die ein wesentlich vollständigeres Bild der Situation liefern und die auch Michael Wetter mit nur einem Telefonanruf hätte bekommen können.

Die Aufgabe des Journalismus, sagt Kulturjournalistin Susanne Gurschler im Interview, sei es „zu helfen, die Welt zu verstehen“, und dies geschehe durch „Orientierung, Information, Meinungsbildung – wobei ich mit Meinungsbildung meine, dass die Leser sich ihre eigene Meinung bilden können sollen, nicht, dass ich ihnen meine Meinung vorgebe.“

Journalismus kann nie vollkommen objektiv sein, doch haben JournalistInnen die Aufgabe, so objektiv und wahrheitsgerecht wie möglich zu berichten – sowohl was die Fakten betrifft, als auch was die Wahl ihrer Worte und die Länge und Platzierung eines Artikels betrifft. Im Fall der Siegener Zeitung ist dies nicht geschehen – sie hat damit das neutrale Maß verloren und zur Polarisierung und Verstärkung pauschaler Vorurteile gegenüber Hilfsbedürftigen in einer Gemeinde beigetragen, die sich bislang auf positive Weise für die Flüchtlinge eingesetzt hat.

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Sie schreibt für Medien und Unternehmen über Themen aus Kultur, Natur- und Umweltschutz und Gesellschaft.
Für ihren Porträtband "Hannover persönlich" erhielt sie von der Leipziger Buchmesse und neobooks (Droemer Knaur) 2013 einen autoren@leipzig Award. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung. Mehr auf: http://birtevogel.de.

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27 Kommentare auf "Wenn eine Zeitung das Maß verliert"

  1. […] die bei mir noch in unschöner Erinnerung ist, weil sie einen rassistischen, hetzerischen reißerischen Artikel über die Flüchtlinge in Burbach geschrieben und behauptet hatte, die Anwohner lebten vor ihnen in […]

  2. […] einigen Monaten mit einem skandalösen fremdenfeindlichen Artikel böse in die Nesseln setzte (hier eine ausführliche Auseinandersetzung damit). Und ich erinnere mich, dass Kollege Kubiwahn vor einiger Zeit über Alltagsrassismus […]

  3. Elmar Köninger sagt:

    Es gab auch journalistisch gute Arbeit zu dem Thema in Burbach – vom kostenlosen Wochenblatt: http://www.siegerlandkurier.de/politik/eine-virtuelle-hetzjagd/
    Warum also Geld für eine Zeitung ausgeben, die lügt wie gedruckt……?

  4. Heike Hautz sagt:

    Ich bin nicht sicher ob es Objektivität im Journalismus überhaupt gibt. Es kann nicht über alles geschrieben werden was in einer Gemeinde geschieht, also muss eine Auswahl getroffen werden, was wohl „nachrichtlich relevant“ sei. Dann wird über das Ereignis berichtet und die Berichterstattung alleine gewichtet das Ereignis schon einmal neu, egal wie sachlich der Bericht auch immer sein mag. Dessen muss sich der Journalist bewußt sein.

    Es ist für mich recht schwer nachzuvollziehen warum 7 Ladendiebstähle und ein Ehestreit eine Nachricht sind. Sie könnten eine Nachricht sein weil es in den Jahren zu vor in diesem Geschäft / in ganz Siegen etwas derartiges noch nie gegeben hat, die gestohlenen Gegenstände im Wert erheblich sind oder sich sonst irgendwie von üblichen Ladendiebstählen unterscheiden. Sie können aber auch dann eine Nachricht sein wenn die Reaktionen in der Bevölkerung von Siegen auf ein eigentlich normales, nicht nachrichtenrelevantes Ereignis besonders sind. Dies scheint hier zuzutreffen, denn einige Menschen sind offensichtlich beunruhigt deswegen, “ fühlen sich“ sogar „bedroht“. Die Nachricht ist dann aber nicht dass es Ladendiebstähle gibt sondern die Frage warum das für einige Menschen bedrohlich wirkt / ist. Das halte ich tatsächlich für ein Thema.

    Ich zitiere mal aus den Kommentaren:

    „In einer kleinen Gemeinde wie Burbach, mit nicht einmal 15.000 Einwohnern, gibt es in kürzester Zeit also 7 entdeckte Diebstähle und einen Ehestreit, alle ausgehend von Asylbewerben. Eine sehr erschreckende Zahl.“

    Ist es das? Wie hoch ist die Anzahl der Ladendiebstähle in einer Gemeinde mit 15000 Einwohnern normalerweise? Steigt die Anzahl von Ladendiebstählen zur Zeit bundesweit an oder nur in Siegen und / oder nur in diesem einen Geschäft? Niemand scheint das recerchiert zu haben. Was heisst denn „in kürzester Zeit“? Eine Woche, ein Jahr, genau seit die Asylbewerber in Siegen sind?
    Gibt es in Siegen bisher keine Ehestreitigkeiten die handgreiflich werden? Keine in der Öffentlichkeit? Gibt es das bundesweit nicht?

    „Man ist ja selbst nicht davon betroffen! Würde es in dem Artikel der Siegener Zeitung nicht um lauter Straftaten von Asylbewerbern handeln, sondern von Einheimischen, dann würde es gar keine Diskussion darüber geben, wie “unsachlich” das doch alles wäre, darüber halbseitig zu berichten. Wetten, dass..?! “

    Ich denke das würde es. Denn jeder würde sich, meines Erachtens zu recht fragen warum überhaupt darüber berichtet werden würde, es sei denn im Stile von „bundesweiter Anstieg von Ladendiebstählen von Handelskammer beklagt“ oder ähnlches. Die Nachricht sind eben nicht die Ladendiebstähle, die Nachricht ist etwas anderes, nämlich die „Betroffenheit“.

    Eine kleine Gemeinde wie Siegen mit nur 15000 Einwohnern ist nämlich „betroffen“ von der Tatsache dass in ihrer Gemeinde Asylbewerber wohnen. Das ist ein Thema. Das ist neu. Das kann für einige / viele befremdlich sein, das kann sehr positiv interessant sein. Das sollte Thema einer Zeitung sein auch ohne Ladendiebstähle. Ist das in der Siegner Zeitung ansonsten ein Thema? Wie wird ansonsten darüber berichtet? Gab es schon einmal positive Berichte darüber? Negative? Neutrale? Wird das Thema ansonsten totgeschwiegen? Traut sich ansonsten wirklich keiner öffentlich Besorgnis zu zeigen wenn er / sie solche verspürt? Herrscht in Siegen ein Klima der Angst sich offen zu äussern und wenn ja warum ist DAS kein Thema in der Zeitung?

    „Die Welt ist nun mal nicht so, dass die Armen, die Ausgebeuteten, die Asylanten (etc.) immer die GUTEN sind.“

    Offensichtlich ist das nicht so. Niemand hat Ladendiebstahl befürwortet, nicht der Artikel um den es geht und nicht der Blogbeitrag. Niemand hat versucht die Welt in Gut und Böse einzuteilen.

    „…Daraus wird nun was geschlossen? Dass sich weibliches Ladenpersonal nicht bedroht gefühlt hat. Das ist letzlich die suggestive Darstellung, dass der Bedrohungsvorwurf falsch ist.“

    Wieder nein. Wenn ein Mensch das Gefühl hat bedroht zu sein ist das immer eine Tatsache. Es wäre dem nachzugehen was die Bedrohung verursacht hat und inwiefern das Gefühl auf einer objektiven Bedrohungssituation beruht oder nur so wahrgenommen wird.

    Ladendiebstähle sind in Deutschland etwas mit dem der Einzelhandel tagtäglich zu tun hat:
    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ladendiebstahl
    „Der Ladendiebstahl nimmt in Deutschland mit ca. 17% aller begangenen Diebstähle einen der größten Anteile ein.[2] Wird der Diebstahl sofort bemerkt und können die Personalien des Täters durch eigens engagierte Ladendetektive festgestellt werden, erfolgt in der Regel eine Strafanzeige. Diebstähle, die erst durch die Kontrolle des Warenbestandes festgestellt werden, kommen dagegen zumeist nicht zur Anzeige, weil sich die Geschädigten davon keine Aufklärung der Tat und Ersatz ihres Schadens versprechen. Daraus erklärt sich die Diskrepanz zwischen der hohen „Aufklärungsquote“ der registrierten Ladendiebstähle (in Deutschland 92,9 %[2], in der Schweiz 84,6 %[3]) und der sehr hohen Dunkelziffer. Im Jahr 2010 wurden 387.662 Ladendiebstähle angezeigt, dies ist ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahr um 1,6%.[2] Nach einer Studie aus dem Jahr 2008 bleiben in Deutschland pro Jahr etwa 30 Millionen Ladendiebstähle mit einer Gesamtsumme von 4 Mrd. Euro unentdeckt. Davon werden Waren im Wert von etwa 1 Mrd. Euro von den eigenen Mitarbeitern entwendet.[4]“

    Mir erscheint es daher ungewöhnlich dass sich Verkäuferinnen dadurch so bedroht fühlen. Wenn sie sich durch die Asylanten bedroht fühlen ist das ein Thema. Eines über das eine Zeitung berichten sollte aber vor allem eines gegen das die Gemeinde etwas tun sollte. Wie wäre es mit Gesprächen zwischen Ladenpersonal und den Asylbewerbern als Beispiel. Gemeinsam Kaffee trinken, wäre eine weitaus bessere Lösung des Problems als es zur Nachricht aufzuwerten und dann im Raum stehen zu lassen.

    Erster Fakt: An keiner Gemeinde geht es spurlos vorrüber, wenn plötzlich fremde Menschen in ihr auftauchen. Besonders wenn diese Menschen auf Grund von Aussehen, Sprache, Kultur, Geldmangel und Arbeitsverbot sich auch noch von der Bevölkerung sehr stark unterscheiden und die beiderseitige Kontaktaufnahme so sehr erschwert ist.

    Eigentlich ist die Nachricht, dass es so selten eine Nachricht ist, über die Schwierigkeiten zu berichten die das auf auf beiden Seiten verursachen muss. Schade ist dass es keine Nachricht ist wenn es trotzdem meistens gut funktioniert. Schade ist dass es dadurch in den Momenten in denen es nicht funktioniert dann schwer ist darüber zu berichten. Wäre die gesamte Problematik in der Siegener Zeitung ein Dauerthema, so wie es das für die Bürger im täglichen Leben eben auch eines ist, weil sie diesen Menschen tagtäglich begegnet, dann wäre ein Artikel über die Ladendiebstähle einer gewesen der anders geschrieben und anders angekommen wäre. Vielleicht hätte er dann in der Frage resultiert, ob die Gemeind nicht einfach einmal Nähgarn und anderes Nähzubehör sammelt und als Geschenk in die Asylunterkünfte bringt zusammen mit einer Kiste Schokoriegeln und der Einladung zu einem gemeinsamen Frühstück im Gemeindesaal um sich besser kennen zu lernen.

    Zweiter Fakt: Der Artikel hat augenscheinlich nicht im entferntesten etwas zur Verbesserung in der Gemeinde Siegen beigetragen. Statt dessen greifen sich Menschen gegenseitig verbal an und die Grundproblematik wird brav weiter totgeschwiegen.

    Als nicht Journalist ärgert es mich am meisten wenn Berichterstattung nur an der Oberfläche kratzt, Vorhandene Wunden sinnfrei weiter aufreisst und sich dann zurücklehnt und sich daran erfreut wie es blutet. Manche scheint es sogar zu erfreuen das Thema schön weiter am eitern zu halten damit man möglchst lange darüber berichten kann. Vielleicht erwarte ich da zu viel, aber eine Zeitung die sich in einer Gemeinde verankert sieht sollte sich auch in der Verantwortung sehen mit dem Ziel zu berichten Missstände in einer Gemeinde aufzuzeigen in dem tief genug gegraben wird um an die wirklichen Ursachen heranzukommen. Sie sollte allen Beteiligten die Informationen zur Verfügung stellen die notwendig sind das Problem konstruktiv lösen zu können, nicht den Graben weiter vergrößern.

    LG

    • Liebe Heike Hautz,

      ich finde Ihren Kommentar großartig! Ich unterschreibe jedes Wort! (Mit der winzigen Korrektur – die aber nebensächlich ist -, dass es nicht die Stadt Siegen (knapp 100.000 Einwohner), sondern eine kleine Nachbargemeinde namens Burbach (ca. 15.000 Einwohner) betrifft, die im Einzugsgebiet der Siegener Zeitung liegt. An sämtlichen grundsätzlichen Gedanken Ihres Kommentars ändert das aber gar nichts.)

      Vielen, vielen Dank, dass Sie das eigentliche Problem der fragwürdigen Arbeit der Zeitung so differenziert darstellen! Chapeau und Dank dafür!

      Julia Dombrowski

  5. cws sagt:

    Ja, in der Siegener Zeitung wird aufgebauscht, es wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht.
    Aber wenn ich mich darüber aufregen soll, dann darf ich keine Zeitung mehr lesen, kein Fernsehmagazin einschalten. Überall werden dauernd Mücken zu Elefanten gemacht. Dutzende Zeitungen und Magazine, print und elektronisch, müssen Inhalte produzieren. Da bleibt das nicht aus.

    Kritisch ist es besonders dann, wenn erst Klischees aufgerufen werden, um dann darin die Fakten einzuordnen.
    Leider tut das auch, völlig unnötig, dieser Blogartikel:
    „Eine Zeitung wie die Siegener Zeitung, die von jeher sehr konservativ geprägt war, die in Zeiten des Dritten Reichs als Sprachrohr der Nazis fungiert hat – müsste es sich so eine Lokalzeitung nicht erst recht zur Aufgabe machen, mit allen Kräften neutral zu berichten? “

    Das lässt dann die Vermutung aufkommen, dass es einen ideologischen Motivations-Hintergrund gibt. Das schließt dann auch wieder eine seriöse Berichterstattung und neutrale Bewertung aus.

    • Bernhard sagt:

      Wieso ist die Forderung nach einer neutralen Berichterstattung ideologisch motiviert?
      Im übrigen war und ist die Siegener Zeitung seit jeher konservativ. Und eine Fragwürdige Vergangenheit als NSDAP-Sprachrrohr hat sie auch, da brauch sie nur mal ein paar Artikel von damals zu lesen.

  6. Stephan sagt:

    DANKE für die tolle Arbeit!! Das war notwendig!

  7. Birte Vogel sagt:

    Ich möchte diejenigen, die in ihren Kommentaren mit Schlagworten wie Gut und Böse, Ignoranz und Deutungshoheit, Elfenbeintürme und Moralkeulen argumentieren, gerne darauf hinweisen, in welchem Blog sie kommentiert haben: Dies ist ein Blog über das berufliche Schreiben. In dem von Ihnen kommentierten Blogbeitrag geht es um fachliche Fragen innerhalb des Berufszweigs Journalismus. So wie sich alles in diesem Blog um fachliche Inhalte der schreibenden Berufe dreht. Es geht jedoch nicht um persönliche Befindlichkeiten, Populismus oder politische Überzeugungen.

    JournalistInnen müssen sich nicht „trauen“ über ein Thema zu schreiben. Es ist ihre Pflicht über einen Anlass mit Nachrichtenwert angemessen und ausgewogen zu berichten, ohne Rücksicht auf Herkunft, Ansehen, Zugehörigkeiten und Status der Beteiligten. Diesen Nachrichtenwert sah die Siegener Zeitung in den Ladendiebstählen und dem Ehestreit in Burbach, und diesen Nachrichtenwert sah ich für meinen Blog in der Art und Weise, wie Print- und Online-Artikel sowie der Leitartikel des Chefredakteurs der Siegener Zeitung geschrieben waren.

    Wenn Sie der Ansicht sind, dass ich fachliche oder sachliche Fehler in meinem Blogbeitrag gemacht habe oder wenn Sie fachliche und sachliche Argumente für oder gegen den Beitrag haben, bin ich für entsprechende Hinweise dankbar. Aber ich möchte Sie darum bitten, zu bedenken, dass Ihre Kommentare nach Möglichkeit auch für andere beruflich Schreibende einen fachlichen Mehrwert haben sollten. Denn, wie bereits gesagt, es geht hier um Fachinhalte, nicht um persönliche oder politische Ansichten.

    Vielen Dank!
    Birte Vogel

    • Maike sagt:

      Hallo Birte,
      ich für meinen Teil, als Journalistin mit Volontariat und langjähriger Berufserfahrung in der Kommunikationsbranche, kann und möchte noch einmal darauf hinweisen, dass sich meine Kritik ausschließlich auf das Thema journalistische Standards bezieht. Ich habe mit meinem Beitrag weder der Siegener Zeitung beigepflichtet noch populistisch argumentiert. Nachwievor halte ich Ihren Blog-Artikel für fachlich nicht sauber gearbeitet.
      Maike

  8. Thorben sagt:

    In einer kleinen Gemeinde wie Burbach, mit nicht einmal 15.000 Einwohnern, gibt es in kürzester Zeit also 7 entdeckte Diebstähle und einen Ehestreit, alle ausgehend von Asylbewerben. Eine sehr erschreckende Zahl. Man kann den Angestellten der Läden in Burbach nur sein Mitgefühl aussprechen, zumal diese sich öffentlich kaum dazu äußern können, ohne nicht in einen Shitstorm der politischen Korrektheit im Internet zu gelangen. Es ist gar nicht so lange her, da griffen linksfaschistische Schlägertruppen noch Politiker der demokratisch legitimierten Partei AfD an. Da ist es nur verständlich, wenn die armen Mitarbeiter in Burbach lieber schweigen und auf Fragen ausweichend reagieren, in Angst vor Übergriffen körperlicher und natürlich seelischer Natur.

    Natürlich ist es einfach, wenn man in seinem Elfenbeinturm mit den Einhörnern und Feen sitzt, darüber zu urteilen, was doch die Menschen und Redakteure, die sich tatsächlich trauen darüber zu schreiben, für böse Menschen sind. Man ist ja selbst nicht davon betroffen! Würde es in dem Artikel der Siegener Zeitung nicht um lauter Straftaten von Asylbewerbern handeln, sondern von Einheimischen, dann würde es gar keine Diskussion darüber geben, wie „unsachlich“ das doch alles wäre, darüber halbseitig zu berichten. Wetten, dass..?! Aber mehrere Straftaten in einer kleinen Gemeinde wie Burbach, allsamt verübt von Asylbewerben – DAZU hat man natürlich zu schweigen. Die Moralkeule versetzt einem sonst einen heftigen Schlag.

    • Popper sagt:

      Nur einer von vielen Fehlschlüssen in diesem Kommentar:

      „Es ist gar nicht so lange her, da griffen linksfaschistische Schlägertruppen noch Politiker der demokratisch legitimierten Partei AfD an. Da ist es nur verständlich, wenn die armen Mitarbeiter in Burbach lieber schweigen und auf Fragen ausweichend reagieren, in Angst vor Übergriffen körperlicher und natürlich seelischer Natur.“
      Cum hoc ergo propter hoc – Bezeichnet einen Fehlschluss, wobei gemeinsam auftretende Ereignisse ohne genauere Prüfung zu Ursache und Wirkung erklärt werden. (http://de.wikipedia.org/wiki/Typen_von_Argumenten)

    • Bernhard sagt:

      „Würde es in dem Artikel der Siegener Zeitung nicht um lauter Straftaten von Asylbewerbern handeln, sondern von Einheimischen, dann würde es gar keine Diskussion darüber geben, wie “unsachlich” das doch alles wäre, darüber halbseitig zu berichten. Wetten, dass..?! “

      Solch einen Artikel gab es auch mit Sicherheit noch noch nie zu lesen in der SZ. Es wird eben nur deswegen darüber berichtet WEIL es sich um Asylbewerber handelt. Die Herkunft der Ladendiebe ist der einzige Grund für einen halbseitigen Artikel.
      Würden Schüler einer Burbacher Schule in einem vergleichen Zeitraum eine derartige Menge an Ladendiebstählen begehen, würde kein Hahn danach krähen und die SZ mit Sicherheit nicht darüber berichten. Und es gäbe mit Sicherheit auch keine Security vorm Aldi.

      Und keine darauf folgende Hetze gegen Kinder.

      • Hutu sagt:

        Vielleicht mal bisschen nachdenken.Wenn ich in ein Land Flüchte benehme ich mich,mach ich es nicht habe ich wohl keine Angst abgeschoben zu werden(wird eh nicht gemacht 120000 müssten eigtl. sofort raus!)und wenn ich Süssigkeiten und Parfum klaue dann habe ich bestimmt auch keinen Hunger.

        Aber hiere bekommen ja auch Kriegsverbrecher Asyl,ja die sagen es sogar unseren Behörden!Ich werde wegen Kriegsverbrechen in meiner Heimat gesucht wenn sie mich abschieben werde ich ermordet.Und schon bleibt der Kriegsverbrecher hier uns läuft frei rum,geil oder?

  9. Jens sagt:

    Huch, die Kommentarnummerierung hat sich geändert. Ich meine Sigi, Sabine und Julia, deren Kommentare ich mich anschließe.

  10. Jens sagt:

    Den drei Kommentaren unter 4. und 5. schließe ich mich vorbehaltlos an. Vielen Dank für Ihre Arbeit.

  11. Ich bedaure sehr, dass ich hier in den Kommentaren wieder Missverständnisse finde, die ich in ermüdenden Diskussionen schon anderswo beobachtet habe.

    1. Es geht nicht Geringsten darum, ob Klauen doof ist – ganz gleich, wer klaut.
    2. Es geht nicht darum, dass eine Zeitung Probleme „totschweigen“ sollte, wenn das Thema eine Minderheit betrifft.
    3. Es geht vor allem um die Frage: Sind 7 Kleinstdelikte und ein Ehestreit eine Meldung wert oder nicht? Und wenn sie unabhängig von der Herkunft der handelnden Personen *keine* Meldung wert sind, dann dürften sie erst recht keinen Bericht in stattlicher Länge wert sein, eben weil Herkunft und sozialer Status der handelnden Personen das Interesse einer Redaktion im besonderem Maße weckt.

    Hier geht es doch nicht um gut vs. böse. Es geht darum, dass eine Zeitung schlechte Arbeit geleistet hat, die die Standards journalistischer Arbeit nicht erreicht – nachweislich, wenn man ihre Arbeit nachholt und sauber recherchiert, wie es Birte Vogel getan hat. Und es geht um die Auswirkungen des Versagens. Stellt eine Lokalzeitung die Ausstellung des örtlichen Kaninchenzüchtervereins schlampig dar, ist das echt ärgerlich für die Kaninchenzüchter, die Ausmaße halten sich aber in Grenzen. Schürt aber eine Lokalzeitung Angst vor einer Minderheit, kann die Auswirkung fatal sein.

  12. Klaus sagt:

    „Sachliche Richtigkeit darf nicht der einzige Gradmesser sein“
    .
    Achwas?! Wirklich?
    Obiger Blogartikel trieft gerade zu von Parteilichkeit. Ist es DAS, was gewünscht ist? Aber dann hat die Siegener Zeitung ja alles richtig gemacht, nur eben auf der „falschen“ – also nicht auf Birte Vogels – Seite. Ich muss deshalb einem Kommentator zustimmen: „In Ihrem Beitrag machen Sie leider genau das, was sie der Siegener Zeitung vorwerfen.“
    Die Welt ist nun mal nicht so, dass die Armen, die Ausgebeuteten, die Asylanten (etc.) immer die GUTEN sind.

  13. Asu Bakar sagt:

    Es spielt letztlich keine Rolle, ob nur Dinge des täglichen Bedarfs gestohlen wurden, oder beispielsweise teure Elektroartikel. Wo zieht man denn da die Grenze? Und ab wann darf sich eine weibliche Beschäftigte belästigt fühlen?

    Sicher mag Unwohlsein ein subjektives Gefühl sein, und der Artikel der Siegener Zeitung ist nicht gerade ein journalistisches Meisterstück.

    Was mich aber an diesem Blog-Beitrag massiv stört, ist die übliche Ignoranz derjenigen, die glauben sie alleine hätten die moralische Deutungshoheit über Gut und Böse.

    Gut sind die, die Flüchtlinge verteidigen, und ihre Situation erklären und verstehen (= gute Menschen), und böse sind die, die Ängste vor „Überfremdung“ (= Nazis) haben.

    Auch nur ein weiterer typischer Beitrag der die Welt in Schwarz und Weiß malt.

    Schade um die Abnutzung der Tastatur…

  14. Maike sagt:

    In Ihrem Beitrag machen Sie leider genau das, was sie der Siegener Zeitung vorwerfen. Sie greifen allgemeine Aussagen auf, ohne sie zu belegen. Damit stellen sie die Texte der Siegener Zeitung in einen Kontext, der Ihre Argumentation stützt. Sie sind die Gute, die anderen sind die Bösen. Damit machen Sie Stimmung nur genau in die andere Richtung!

    Ihre Aussage ist nicht mit Fakten untermauert: „In Deutschland wächst 21 Jahre, nachdem in Rostock-Lichtenhagen ein Haus voller Asylbewerber von jubelnden Deutschen in Brand gesteckt wurde, die Ausländerfeindlichkeit und gipfelt in zunehmenden Märschen von Neonazis und anderen Rechtsgerichteten gegen die Aufnahme von Flüchtlingen.“

    Es mag sein, dass Sie damit Recht haben.. aber es ist ebenfalls nicht sauber journalistisch gearbeitet. Belegen Sie die Aussage, wäre es etwas anderes.

    Ich bin selbst seit vielen Jahren in der Kommunikationsbranche tätig, komme zudem aus Siegen und sehe die Berichterstattung in der Siegener Zeitung durchaus kritisch.

    Kritik ist völlig legitim. Aber jemanden journalistisches Handwerkszeug abzusprechen und es selbst nicht richtig zu machen, halte ich zumindest für zweifelhaft.

    • Birte Vogel sagt:

      Hallo Maike,

      vielen Dank für Ihren Kommentar, der mich auf einen Fehler stieß. Denn die Ausländerfeindlichkeit ist nur in bestimmten Teilen Deutschlands gestiegen, nicht in allen. Dies habe ich im Text entsprechend korrigiert.

      Andere Teile Ihrer Argumentation kann ich hingegen nicht nachvollziehen. Ich habe der Siegener Zeitung mitnichten vorgeworfen, ihre Aussagen nicht belegt zu haben. Ich stelle auch nicht „die Texte“ dieser Zeitung in irgendeinen Kontext, sondern beschränke mich ausschließlich auf die Print- und Online-Version eines einzigen Artikels. Ich setze mich sachlich mit der Tatsache auseinander, dass in diesem Artikel einige kleine Vorkommnisse durch suggestive Sprache und durch Länge und Platzierung des Print- sowie extremer Kürzung des Online-Artikels zu einem Schreckensszenario aufgebauscht wurden. Eine sachliche Auseinandersetzung auf Stimmungsmache und eine Frage von „Gut“ und „Böse“ zu reduzieren, halte ich für verfehlt.

      Davon abgesehen gehört für mich das Wissen um die weite Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts in unserer Gesellschaft zur Allgemeinbildung, die nach meinem Dafürhalten nicht extra belegt bzw. verlinkt werden muss.
      Wer mehr wissen will, findet im Internet genügend Hinweise darauf – u. a. diese Zitate aus den zusammenfassenden Ergebnissen der neusten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung:
      „Bezogen auf ganz Deutschland ist im Vergleich zu 2010 ein Anstieg rechtsextremen Denkens (geschlossenes rechtsextremes Weltbild) von 8,2 auf 9,0 % zu verzeichnen.“ und
      „Während in Westdeutschland 2012 jeder fünfte Bürger eine ausländerfeindliche Einstellung hat, denken in Ostdeutschland fast 39 % manifest ausländerfeindlich. Der Wert für den Osten steigt seit 2004: Damals zeigte sich jeder vierte Ost- wie Westdeutsche ausländerfeindlich.“ (Quelle: http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_12/ergebnisse_mitte_studie_2012.pdf).
      Weitere Informationen dazu gibt es außerdem bei der Bundeszentrale für politische Bildung (http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/151270/rechtsextremismus) und vielen anderen seriösen Instituten und Websites.

      Viele Grüße
      Birte Vogel

      • Lars sagt:

        „Ich setze mich sachlich mit der Tatsache auseinander, dass in diesem Artikel einige kleine Vorkommnisse durch suggestive Sprache […] zu einem Schreckensszenario aufgebauscht wurden.“

        Und werden in dem Blog-Eintrag durch suggestive Sprache nicht Dinge verharmlost?

        Erstes Beispiel:
        „Doch es geht hier um gerade einmal sieben Ladendiebstähle und einen handgreiflichen Ehestreit“

        Witzigerweise kommt später die Info, dass es ja wohl doch nicht nur um sieben Ladendiebstähle geht und einen handgreiflichen Ehestreit, sondern auch um Diebstähle innerhalb der Einrichtung, die gar nicht weiter beziffert werden.:“Was die Diebstähle innerhalb der Einrichtung angeht, wurden diese nicht zur Anzeige gebracht.“
        Aha, also 7 _entdeckte_ Ladendiebstähle, ein Ehestreit und xyz weitere entdeckte Diebstähle und xyz unentdeckte Diebstähle.

        Nächstes Beispiel:
        „Genauso hat es keine Anzeigen oder Meldungen seitens weiblichen Ladenpersonals wegen des Gefühls der Bedrohung gegeben.”

        Das ist eine Tatsache. Daraus wird nun was geschlossen? Dass sich weibliches Ladenpersonal nicht bedroht gefühlt hat. Das ist letzlich die suggestive Darstellung, dass der Bedrohungsvorwurf falsch ist. Folglich gibt es keine Belästigung von Frauen, wenn diese nicht bei der Polizei zur Anzeige gebracht wurde. Für eine Frau ist das eine mutige Meinung, die hier versehentlich verbreitet wird.

    • Andreas sagt:

      Genau so ist es! Leider auch nicht besser als der Artikel der Siegener Zeitung selbst!

  15. Jan sagt:

    Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel!

  16. Sigi sagt:

    Klasse Birte, danke für diesen Artikel. Ich ärgere mich auch oft, über schlampige, unüberlegte oder tendenziöse Berichterstattung. In dem von dir genannten Fall scheinen tatsächlich Vorurteile des Autors die Feder geführt zu haben, nicht Recherche und Professionalität. Oft entstehen komische Tendenzen aber auch durch mangelnde Sorgfalt. Die Reaktionen seitens der Redaktion empfinde ich meist als ausweichend, verteidigend, rechthabend. Im aktuellen Journalisten geht es um die (mangelnde) Kritikfähigkeit vieler Medien.

  17. Sabine sagt:

    Vielen, vielen Dank für diesen Artikel! Solche Analysen sind bitter nötig – nicht nur, um immer wieder daran zu erinnern, welche Pflichten Schreibende haben und was sie mit Worten anrichten können. Sondern auch, um die Lesenden darauf hinzuweisen, dass man genau hinschauen muss – auch auf das, was in einem Artikel NICHT gesagt wird. Noch einmal: danke.

    • Julia sagt:

      Diesem Danke schließe ich mich in vollem Umfang an! Zumal ich sehr froh bin, wenn eine Zeitung nicht unwidersprochen „zündeln“ kann, weil es ja „nur Lokaljournalismus“ ist. Stimmungsmache kann Schaden anrichten, im Kleinen und im Großen. Ich bin sehr, sehr froh über diese kritische und sachliche Analyse!

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