Romane schreiben & Selfpublishing: Marah Woolf

27. Mai 2014 | Von | Kategorie: Aktuell, Berufe, Interview
Bestseller-Autorin & Selfpublisherin Marah Woolf (Foto: Rene Brandes)

Bestseller-Autorin & Selfpublisherin Marah Woolf (Foto: Rene Brandes)

Marah Woolf ist mit über 250.000 verkauften Exemplaren ihrer bislang fünf Bücher eine der erfolgreichsten deutschen Selfpublisherinnen. Dabei hatte die gelernte Bankkauffrau und studierte Historikerin das Schreiben und Veröffentlichen eigentlich nur mal ausprobieren wollen. Doch gleich der erste Band ihrer „MondLichtSaga verkaufte sich innerhalb von drei Monaten über 1.500-mal. Er ist gerade auf Englisch erschienen, und demnächst folgen französische und koreanische Übersetzungen. Aktuell schreibt sie an Band drei ihrer zweiten Trilogie, „Bookless. Ewiglich unvergessen“, der am 15.06.2014 erscheinen soll.

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Romane schreiben & Selfpublishing: Marah Woolf

Birte Vogel (bv): Frau Woolf, Sie haben mit bislang fünf selbstverlegten Büchern über 250.000 Verkäufe erzielt und gehören damit zu den bestverkauften deutschen Indie-Autorinnen. Was bedeutet das für Sie: ein andauerndes Delirium, großes Pech, weil Geld ja angeblich nicht glücklich macht, oder stehen Sie jetzt unter großem Druck, der Ihre Kreativität hemmt?

Marah Woolf (MW): Es ist wahrscheinlich ein bisschen was von allem. Beruflich habe ich schon vieles gemacht und bin jetzt da angekommen, wo ich mich sehr, sehr wohl fühle. Ich kann frei arbeiten, bin niemandem verantwortlich und habe keinen Termindruck. Obwohl ich mir den Druck ein bisschen selber mache, weil ich immer einen Erscheinungstermin für mein nächstes Buch festsetze. Aber ich muss das nächste Buch nicht an den vorherigen messen. Und Geld macht vielleicht nicht glücklich, aber unabhängig. Ich konnte dadurch gerade ein tolles Jahr lang mit meiner Familie in Schottland verbringen.

bv: Wie erklären Sie sich denn Ihren Erfolg?

MW: Das ist eine Mischung aus dem Buch, den Lesern und dem Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Damals gab es noch nicht so viele E-Books wie heute. Außerdem traf mein Buch offensichtlich den Lesegeschmack der ersten E-Book-Leser.

bv: Haben Sie für das erste Buch sehr viel Werbung machen müssen?

MW: Nein, gar nicht. Ich habe es nur auf Facebook und in meinem Blog angekündigt, mehr nicht. Es wurde einfach gefunden. Dann kam Ende 2011 der große Kindle-Boom zu Weihnachten, und auf einmal hatte ich 1.500 Stück verkauft. Heute ist das aber nicht mehr so einfach, da muss man sich gar nichts vormachen.

bv: Sie hatten sich mit Ihrem Manuskript, bevor Sie das Buch selbstverlegt haben, erfolglos bei den großen Fantasy-Verlagen beworben. Als Sie nun immer erfolgreicher wurden, standen genau diese Verlage dann plötzlich bei Ihnen auf der Matte?

MW: Ich weiß gar nicht mehr, ob es dieselben Verlage waren, die da bei mir anklopften. Aber die Angebote, die ich dann bekam, die Konditionen und Zahlungsmodalitäten, waren mir alle ein bisschen dünn. Ich hatte sehr nette Gespräche, und sie waren auch alle sehr euphorisch. Ein Verlag wollte die „MondLichtSaga“ vielleicht als Sammelband herausbringen – nur wann denn? Vielleicht 2016? Sie versprechen 5.000 Euro Garantiehonorar, und dann dauert es Jahre, bis ein Buch erscheint.

Den „Bookless“-Band, den ich im Juli 2013 selbst veröffentlicht habe, hätte ein anderer Verlag erst im Sommer 2014 veröffentlicht. Ich habe die dann gefragt: „Und wovon soll ich in der Zwischenzeit leben?“ Die Antwort war: „Von den Verkäufen der MondLichtSaga.“

Ich gebe pro Buch 4.000 Euro aus für Cover, Lektorat und Korrektorat

bv: Ist ein Verlagsvertrag für Sie also indiskutabel?

MW: Ich will nichts ausschließen. Bei einem Einteiler würde ich es vielleicht mal versuchen, aber ich schreibe ja immer Trilogien! (lacht) Ich muss auch sagen, dass ich lieber 250.000 Bücher verkaufe, als vorweisen zu können, dass ich bei einem bekannten Verlag veröffentlicht habe. Aber andere fühlen sich mit einem Verlagsvertrag mental besser. Manche Verlage sagen, das sei jetzt nur die Goldgräber-Atmosphäre, und ein Standbein im Verlag sei sicherer auf lange Zeit. Aber das ist nun mein Risiko.

bv: Sie waren kürzlich Gast im WestArt Talk mit Bettina Böttinger im WDR und saßen neben Jo Lendle, dem neuen Chef des Hanser Verlags.

MW: Ja, ich war ganz gespannt auf ihn. Er hatte mal in einem Interview gesagt, dass er sehen wolle, was Verlage aus dem Selfpublishing lernen könnten. Aber ich war dann erstaunt, wie konservativ er im WestArt Talk aufgetreten ist.

bv: Mir erschien es eher, als hätte er sich noch gar nicht mit der Materie auseinandergesetzt, und wollte nur die Verlage um jeden Preis verteidigen. Er sagte z. B., das, was Sie als Selfpublisherin an Ihren eigenen Büchern prozentual mehr verdienten (es sind ja bis zu 60% mehr), müssten Sie dann aber für Lektorat, Werbung usw. wieder ausgeben. Und dann hätten Sie immer noch nicht die gute, persönliche Betreuung durch professionelle LektorInnen usw.

MW: Ich gebe pro Buch um die 4.000 Euro aus für Cover, Lektorat und Korrektorat. Das habe ich mit 2.000 verkauften Büchern wieder drin. Alles, was ich danach verkaufe ist zwar noch kein Gewinn, denn ich habe ja auch ein halbes Jahr an dem Buch gearbeitet. Aber damit stehe ich mich dennoch besser als bei einem Verlag. Ich bin nicht sicher, ob Verlage uns [erfolgreiche SelfpublisherInnen] nicht nur haben wollen, weil sie wissen, dass wir unsere Werbung selbst machen und schon einen großen Topf an Fans mitbringen.

bv: Verlage machen ja, wie man hört, immer weniger Werbung für die kleineren AutorInnen. Aber sie existieren andererseits ja nicht umsonst schon so lange.

MW: Natürlich erschließt man sich mit einem Verlag noch mal einen anderen Kundenkreis über den Buchhandel. Dafür muss das Buch aber ausreichend beworben werden, und der Buchhandel muss es aufnehmen. Und dann läuft es dort womöglich nicht. Was nützt mir ein Verlagsvertrag, wenn meine Fanbase plötzlich 12,99 Euro für ein E-Book zahlen muss, das sie bislang von mir für 3,99 Euro bekommen hat?

Als Selfpublisher kann ich machen, was ich will, und ich kann meine eigenen Preise machen. Beim Verlag biste angebunden wie ein Pferd. (lacht) Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wenn der Verlag sich wirklich kümmert … ich habe da eher nicht so hohe Erwartungen; vielleicht würde ich ja positiv überrascht werden. Aber am Ende ist für mich entscheidend, was auf dem Konto ist – schließlich ist das Schreiben eines Buches kein Kinderspiel.

Ohne Autoren könnte kein Verlag, kein Buchhändler leben

bv: Ist der Buchhandel für Sie denn obsolet oder stehen Ihre Bücher tatsächlich in den Läden?

MW: Da stehen sie garantiert nicht. Aber ich bin im VLB [Verzeichnis Lieferbarer Bücher, Anm. d. Red.] gelistet. Manche Leser gehen in den Buchhandel und bestellen „Bookless“ dort. Über das VLB kriege ich dann die Bestellungen aus dem Buchhandel zugeschickt. Das sind ein bis zwei am Tag. Das Buch kostet 9,95 Euro, ich verkaufe das dem Buchhandel für 7 Euro inkl. Porto. Dafür muss ich meine Autorenexemplare in den USA einkaufen, die schicken sie mir, ich muss eine Rechnung schreiben, die Briefmarke draufkleben, das Ganze zur Post bringen, den Verkauf verbuchen und warten, bis das Geld kommt. Für 1,95 Euro pro Buch. Der Eintrag im VLB kostet ja auch noch 90 Euro im Jahr, jede ISBN 80 Euro. Das mache ich nur, damit Leute, die lieber im Buchhandel bestellen, das Buch trotzdem kriegen. Aber für mich ist das ein Zuschussgeschäft, und ich überlege fast täglich, ob ich das nicht einstelle.

bv: Halten Sie die 10%, die Verlage in der Regel maximal zahlen, für gerechtfertigt oder ist das Abzocke der AutorInnen, wenn der Buchhandel zur selben Zeit sogar das Fünf- bis Zehnfache an deren Werken verdient?

MW: Abzocke ist nicht das richtige Wort, aber die Leistung des Autors wird nicht richtig honoriert. Es gibt ja nur wenige Autoren in Deutschland, die wirklich vom Schreiben leben können. Ohne deren Bücher aber könnte kein Verlag, kein Buchhändler leben. Der Autor als Hauptkreativschaffender verdient zu wenig, und es dauert ewig, bis der Autor mal sein Geld sieht. Davon, dass E-Books z. B. nur einen Bruchteil weniger kosten als Hardcover oder Paperbacks, profitiert der Autor ja auch nicht. Aber solange Autoren sich das gefallen lassen, wird das so bleiben.

bv: Sie verkaufen Ihre E-Books für 3,99 Euro. Manche meinen, mehr als 2,99 Euro dürfe ein E-Book nicht kosten; andere wiederum finden, so niedrige Preise würden den Wert des Buches an sich mindern. Wie sehen Sie das?

MW: Es muss jeder selbst entscheiden, was sein Buch wert ist. Ich schreibe immer um die 300 Seiten und finde dafür 3,99 Euro für das E-Book als Preis o. k. Unter 2,99 Euro würde ich nicht gehen, aber 4,99 Euro kommt mir ein bisschen viel vor.

bv: Viele SelfpublisherInnen machen ihre Bücher über Preisaktionen bekannt, setzen also für einen bestimmten Zeitraum ihre Bücher im Preis weit runter und landen dadurch unter den Top 100 bei Amazon. Warum machen Sie das nicht?

MW: Ich bin ein strenger Verfechter davon, keine Preisaktionen zu machen, denn das Buch wird da total unter Wert verkauft. E-Book-Leser sind Vielleser. Aber viele von denen, die E-Books für 0,99 Euro kaufen, lesen sie oft gar nicht. Diese Bücher haben auch wenige Rezensionen, und es gibt kaum Folgeverkäufe dieser Autoren. Das ist dann doch unsinnig. Ich will eine Fanbase aufbauen, die alles gelesen hat und auf das neue Buch wartet und dafür auch 3,99 Euro ausgibt. Es ist mir aber nicht wichtig, in den Top 100 zu sein.

Außerdem konditionieren solche Preisaktionen die Leser darauf, auf die Preissenkung zu warten und die Bücher nicht schon vorher zu kaufen. Ich finde, Amazon müsste diese Möglichkeit einschränken.

In Buch-Serien können die Leser lange Zeit abtauchen

bv: Sie haben ja schon eine sehr solide Leserschaft bzw. Fanbase aufbauen können. Wie liefen denn die Verkäufe Ihrer zweiten Saga im Vergleich zur ersten?

MW: Ich habe von den ersten beiden Teilen von „Bookless“ innerhalb der ersten sieben Monate dreimal so viel verkauft wie in den ersten sieben Monaten von den ersten beiden Teilen der „MondLichtSaga“. Und das, obwohl es heute viel schwieriger ist, in die Top 100 zu kommen. Ich bin im Ranking immer so um die 250-300, und das reicht. Das ist super. Die Angst, die viele haben, wenn sie aus den Top 100 raus sind, habe ich nicht. Bis jetzt noch nicht. (lacht) Vielleicht kommt das mal! Aber das ist eine schöne Zeit jetzt. Ich freue mich drüber!

bv: Sie arbeiten gerade an Band drei Ihrer zweiten Trilogie. Es gibt ja auch andere AutorInnen, die mit Buch-Serien höchst erfolgreich sind, z. B. Alexander McCall Smith. Was macht Buch-Serien so erfolgreich?

MW: Das ist wie bei den Fernsehserien. Man führt ein Parallelleben mit dem Buch, die Leser können über lange Zeit abtauchen und in dieser Welt verweilen. Man begleitet die Personen und die Geschichte über einen langen Zeitraum; das ist nicht nach einem Buch zuende.

Der Nachteil einer Trilogie ist ein bisschen, dass es viele Leser gibt, die auf den dritten Band warten, und erst dann alle drei Bände auf einmal kaufen. Denn so können sie alle Teile sofort hintereinander lesen. So war das auch bei der „MondLichtSaga“: das ging erst bei Teil drei so richtig los.

bv: Sollten denn neue AutorInnen am besten gleich mit einem Mehrteiler beginnen?

MW: Ich weiß nicht. Das nimmt vielleicht auch ein bisschen überhand mit den Mehrteilern. Ich habe auch Rezensionen bekommen, in denen stand, dass drei Teile zu viel sind.

bv: Wie haben die LeserInnen reagiert, als nach drei Bänden Schluss war?

MW: Viele haben um einen vierten Teil der „MondLichtSaga“ gebeten. Aber das würde ich doof finden, weil’s so aussieht, dass ich das nur mache, um noch mal Geld damit zu verdienen. Ich werde das anders lösen, denn ich habe eine Idee für einen anderen Mehrteiler, der auch in dieser Welt spielt. Aber es geht um andere Hauptfiguren. Ein paar Schicksale der Nebenfiguren werde ich wieder aufnehmen, sodass die Leser sehen können, was aus den Figuren geworden ist. Es wird also eher eine Art inoffizielle Fortsetzung, die dann Ende 2014 oder Anfang 2015 erscheinen wird.

Mich überrascht, wie wenig Verlage, Buchbranche und Journalisten übers Selfpublishing wissen

bv: Sie waren 2013 die erste Gewinnerin des ersten autoren@leipzig Awards im Bereich Belletristik. Was hat Ihnen der Preis gebracht, außer dass Sie ein Jahr später Mitglied der Jury waren?

MW: Ich hatte dadurch eine Menge Verlagsanfragen, das Preisgeld und ein Lektorat von Droemer Knaur. Und der Preis hat das Selfpublishing mehr in den Mittelpunkt gerückt. Ich begreife mich heute ganz selbstverständlich als Selfpublisherin.

Zwei Dinge überraschen mich allerdings immer noch: wie wenig die Verlage und die Menschen in der Buchbranche übers Selfpublishing wissen, und wie wenig Journalisten sich damit auskennen. Viele haben sich vor den Interviews gar nicht damit befasst! Sie fragen mich ganz ahnungslos, wie ich meine Bücher denn verkaufe, über Klicks? Manchmal komme ich mir da vor wie in einer Comedyserie. Der Preis trägt aber in jedem Fall dazu bei, das Selfpublishing transparenter zu machen und in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.

bv: Sie schreiben Ihre Bücher unter dem Pseudonym Marah Woolf. Allerdings ist es nicht schwer, herauszufinden, wer hinter diesem Pseudonym steckt. Warum haben Sie dann überhaupt eins gewählt?

MW: Das hatte mehrere Gründe. Erstens sollte nicht gleich jeder wissen, dass ich ein Buch veröffentlicht habe. Wenn’s in die Hose gegangen wäre, hätte keiner gewusst, dass ich das war. (lacht) Aber ein Grund war auch, dass die deutschen LeserInnen eher Bücher von englischsprachigen Autoren lesen. Ich fand einfach, dass es besser passt und besser klingt.

bv: Sie und viele andere AutorInnen feiern aktuell große Erfolge mit Büchern über Menschen, die nicht von dieser Welt sind (z. B. auch Michael Meisheit). Ist der Markt für diese Themen nicht langsam erschöpft, oder öffnet der sich gerade erst?

MW: Wenn ich das wüsste! Es gibt ja Theorien von Verlagen, dass der Markt erschöpft ist, aber das kann ich mir fast gar nicht vorstellen. Für bestimmte Bereiche ist er sicher erschöpft, aber es kommt immer noch total viel auf den Markt, mit immer denselben Geschichten. Heute müssen sich neue Bücher deutlich davon abheben. Aber neue Ideen gibt’s ja immer, mein „Bookless“ ist ja so eine neue Idee.

bv: Um so eine Welt aufzubauen, braucht es eine sehr genaue Vorbereitung. Welche Programme und Tools benutzen Sie dafür? Oder geht das alles nur auf Papier?

MW: Das mache ich im Kopf. (lacht) Für „Bookless“ habe ich einen ganz ordentlichen Plot angelegt, in einer Tabelle, habe die aber am Schluss gar nicht benutzt. Ich schaue höchstens drauf, um zu sehen, ob ich eine Idee vergessen habe. Aber ich kann mir Sachen gut merken. Ich habe nicht einmal eine Liste, wer welche Haarfarbe hat. Ich mache mir ein paar Notizen, was alles passieren soll, eine DIN A4-Seite vielleicht, pro Kapitel ein, zwei Stichpunkte, um ein bisschen einen Faden zu haben. Aber dann schreibe ich einfach drauflos.

Bis zur Veröffentlichung hat es zwei Jahre gedauert

bv: Wie viel Überarbeitung ist dann hinterher nötig?

MW: Ich komme natürlich sehr schnell voran, muss dann aber im Nachhinein zum Teil viel Arbeit in die Überarbeitung stecken. Da geht’s aber nie darum, dass die Figuren nicht stimmen oder die Landschaft, sondern darum, was wichtig für die Geschichte ist oder nicht. Bei Teil drei von „Bookless“ habe ich gerade 30 Seiten rausgeworfen, die ich jetzt wieder füllen muss, denn ich war an einer Stelle zu ausführlich und an einer anderen zu schnell.

bv: Mit welchem Programm schreiben Sie?

MW: Ich habe mir Papyrus gekauft, denn da kann man einen Zeitstrahl und die Figuren anlegen. Aber das nutze ich überhaupt nicht, das ist für mich ein bisschen Zeitklau. Bei mir läuft das alles wie ein Film im Kopf ab. Und dann schreibe ich ganz schlicht mit Word.

bv: Zum Schreiben sind Sie ja über ein paar Umwege gekommen. Nach einer Ausbildung zur Bankkauffrau haben Sie zunächst Geschichte und Politik studiert. Warum der Wechsel ins Studium?

MW: Ich wollte immer Geschichte studieren, aber nach der Wende war alles anders als vorher. Also habe ich erst einmal eine Banklehre gemacht und zehn Jahre bei einer Bank gearbeitet. Nachdem ich zwei Kinder bekommen hatte und es in der Bank in meiner Heimatstadt [Magdeburg] nicht so einfach war, mit meiner Qualifikation eine Stelle zu bekommen, habe ich gedacht: jetzt oder nie! Ich musste einfach wissen, ob das Studium so sein würde, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Und es hat mir dann so gut gefallen, dass ich meinen Job gekündigt und studiert habe. Zum Ende des Studiums habe ich eine Hörbuch-Produktionsfirma gegründet, dann kam mein drittes Kind, und kurz danach habe ich die „MondLichtSaga“ geschrieben. Bis zur Veröffentlichung auf Amazon hat es dann noch mal zwei Jahre gedauert.

bv: Haben Sie Ihre Firma noch?

MW: Nein, die habe ich mittlerweile an meinen Tontechniker abgegeben.

bv: Hatten Sie nicht auch noch mit einer Doktorarbeit begonnen?

MW: Ja, aber die habe ich dann doch beerdigt, kurz bevor wir für ein Jahr nach Schottland gegangen sind. Ich bin jetzt 42, was nützt mir da noch eine Doktorarbeit? Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, als mein Doktorvater mich fragte, ob ich nicht eine schreiben wolle, aber ich hatte das Buch geschrieben, hatte eine eigene Firma und drei Kinder. Von manchen Dingen muss man auch mal Abschied nehmen.

Ich erzähle ganz instinktiv wie im Film

bv: Woher hatten Sie denn dann die Kenntnisse, wie man ein Buch strukturiert, wie man schreibt?

MW: Ich habe ein paar Bücher zum Bücherschreiben gekauft und mal reingeguckt. Aber ich lese, seit ich lesen kann – dadurch hat man ja schon ein Gefühl für Bücher, glaube ich. Die „MondLichtSaga“ wurde von der „Twilight“-Serie inspiriert, daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht. Ich habe die gelesen, und da überkam es mich einfach. (lacht) Und dann habe ich beim Lesen überlegt, warum so viele Millionen Frauen ausgerechnet von dieser Geschichte so fasziniert sind. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die in unserer Welt spielt, die in dieser geschehen könnte. Denn das ist es, denke ich, was die Leser so stark berührt.

Ich habe mir keine Riesengedanken über Spannungs- oder Figurenaufbau oder Handlungsstringenz gemacht. Ich habe geschrieben, und drei Monate später war ich fertig. Dann habe ich das Buch überarbeitet, gekürzt und ins Lektorat gegeben.

bv: Sie sagten eben, die Geschichte liefe in ihrem Kopf wie ein Film ab. Ist die Erzählweise im Film tatsächlich übertragbar auf Bücher?

MW: Gerade die amerikanische Literatur lebt davon, dass sie sich am Spannungsaufbau von Filmen orientiert. Ich bin kein akribischer Arbeiter, und hangele mich nicht daran entlang. Aber wenn ich hinterher nachschaue, ob ich es so gemacht habe, dann sehe ich: tatsächlich, ich habe ganz instinktiv genau so erzählt.

bv: Bei blog.de haben Sie den Usernamen „Wolkenkuckucksheim“ – haben Sie das so gesehen, als Wolkenkuckucksheim, dass Sie nach Bank und Universität nun Bücher schreiben?

MW: Ja. Und wenn der erste Teil nicht so erfolgreich gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht weitergeschrieben, sondern hätte einen ordentlichen Beruf. (lacht)

bv: Was ist denn in all dieser Zeit als Selfpublisherin an zusätzlichen bürokratischen Aufgaben für Sie hinzugekommen?

MW: Ich war ja vorher schon selbstständig, hatte Mitarbeiter und dadurch einen sehr viel größeren Aufwand mit Lohnsteuermeldungen usw. Jetzt mache ich alle drei Monate meine Buchhaltung – das nervt mich zwar, aber es ist im Vergleich total wenig. Den Buchversand und das Rechnungen-Schreiben übernimmt die Sekretärin meines Mannes. Ich schreibe, mache das Marketing, sorge für die Übersetzungen, betreue die Fans, mache ein bisschen Buchhaltung. Aber ich habe das ganz gut im Griff.

Nur zu schreiben reicht nicht, um Erfolg zu haben

bv: Wenn man Sie googelt, findet man zahllose Rezensionen von BuchbloggerInnen – wie wichtig sind die für Ihren Erfolg?

MW: Sehr wichtig, denn Blogger generieren Leser. Manche Autoren wollen das gar nicht, weil die Blogger einen auch kritisieren. Aber damit muss man leben.

bv: Was machen Sie sonst noch, um mit LeserInnen in Kontakt zu kommen oder zu bleiben?

MW: Ich bin auf den Buchplattformen goodreads und lovelybooks unterwegs und bei Amazon im Selfpublisherforum. Ich habe eine Autorenseite bei Facebook, die nur für meine Leser ist. Da poste ich keine Katzen- oder Blümchenfotos, sondern nur Sachen aus meiner Arbeit als Autor. Dann gibt’s da eine Buchseite für „Bookless“ und ich baue gerade eine englischsprachige für die Leser von „SilverMoonLight“, der englischen Übersetzung der „MondLichtSaga“, auf.

Auf Twitter teile ich Links, poste Buchzitate und bin da viel breiter unterwegs. Trotzdem dreht es sich da hauptsächlich um das Thema Buch. Bei Twitter ist es ganz wichtig, dass man sich auf ein Thema fokussiert. Meine Seite auf Google+ ist mehr Zufall. Die pflege ich nicht, denn das hat sich mir noch nicht so erschlossen. Man sollte sich auch nicht so verzetteln.

bv: Wenn nun ein/e AutorIn nur schreiben will, aber sich nicht unbedingt ständig verzetteln will durch den persönlichen Austausch mit LeserInnen auf den zahlreichen Plattformen – sollte die- oder derjenige sich dann doch besser einen Verlag suchen? Oder ist das heute egal?

MW: Die Frage ist ja, welche Erwartung ich an meine Veröffentlichung habe. Will ich Erfolg haben, dann gehört mehr dazu als nur das Buch zu schreiben. Will ich nur schreiben, und ist es mir egal, wie oft meine Bücher gekauft werden, muss ich das nicht machen. Es ist eine Frage des Anspruchs an sich selbst. Und Verlage übernehmen diese Arbeit immer seltener.

bv: Machen Sie denn solche Dinge wie das Layout und das Hochladen auf die verschiedenen Plattformen heute immer noch selbst?

MW: Ja, das mache ich immer noch selbst. Das ist auch ein bisschen eine Last, aber dann weiß ich wenigstens, dass es meinem Anspruch genügt. Ich überlege, das auch abzugeben, aber ich möchte, dass das E-Book und das Taschenbuch am selben Tag erscheinen. Ich mache das sofort, aber wenn ich andere beauftragen will, dann brauchen die dafür aus unerklärlichen Gründen immer zwei Wochen. Dann mache ich es doch lieber selbst.

Man braucht Zeit und Leidenschaft

bv: Wie schaffen Sie es denn dann, sich selbst nicht bei all dem zu verzetteln?

MW: Ich habe kleine Listen, wo die Dinge draufstehen, an die ich denken muss und diese arbeite ich ab. Allerdings wird es langsam alles etwas zu viel. Für manche Dinge hätte ich wirklich gerne Assistenten – das ist mein Traum! (lacht)

bv: Was hält Sie davon ab, sich welche zu suchen?

MW: Nichts. Wenn ich aus Schottland wieder zurückkomme, werde ich mir jemanden fürs Drumherum suchen: das heikle Thema Buchhaltung, den Buchversand, Betreuung von Buchhändlern, für die Goodreads-Betreuung, die Leserundenvorbereitung auf Lovelybooks, Korrekturlesen der englischen Übersetzung. Da geht es um zwei, drei Stunden am Tag, die mir deshalb fehlen.

bv: Sie haben kein eigenes Arbeitszimmer, sondern schreiben an Ihrem Esstisch. Warum? Sie müssen das ganze Zeug doch dauernd wegräumen – ist das nicht kontraproduktiv?

MW: Das ist tatsächlich ein Problem. Ich habe ein sehr schönes Arbeitszimmer, arbeite aber trotzdem am Esstisch. Ich weiß auch nicht warum. Da fühle ich mich irgendwie wohler.

bv: Wieviel Zeit haben Sie am Tag zum Schreiben und für all die anderen Arbeiten?

MW: Sechs Stunden habe ich ungefähr Zeit für alles, zwischen 9 und 15 Uhr. Das richtet sich nach der Schulzeit meiner jüngsten Tochter. Die Schule hier in Schottland beginnt erst um 9 Uhr.

bv: Mit 250.000 Exemplaren sind Sie wahrscheinlich diejenige, die das meiste Geld nach Hause bringt. Ist Ihr Mann beruflich nun kürzergetreten, damit Sie mehr Zeit zum Schreiben haben?

MW: Schwierige Frage. (lacht) Mein Mann hat eine eigene Firma, und damit auch Verantwortung für eine Reihe Mitarbeiter. Das heißt, er fährt morgens zur Arbeit und kommt erst abends nach Hause. Dieses Jahr in Schottland, wo wir viel mehr Zeit füreinander hatten, war eine große Ausnahme, und er hat er sich vorgenommen, nicht mehr so viel zu arbeiten wie vorher. Ob das klappt, werden wir sehen.

bv: Dann komme ich nochmal auf meine Eingangsfrage nach Ihrem Erfolg zurück: Was ist denn das Wichtigste für einen solchen Erfolg wie den Ihren?

MW: Zeit und Leidenschaft. Man braucht einfach viel Zeit, um alles zu leisten. Schreiben allein reicht definitiv nicht. Man muss schon mehr investieren, um wirklich erfolgreich zu sein. Das ist das A und O. Das kann sich aber keiner leisten, der einen normalen Brotberuf hat.

bv: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Sie schreibt für Medien und Unternehmen über Themen aus Kultur, Natur- und Umweltschutz und Gesellschaft.
Für ihren Porträtband "Hannover persönlich" erhielt sie von der Leipziger Buchmesse und neobooks (Droemer Knaur) 2013 einen autoren@leipzig Award. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung. Mehr auf: http://birtevogel.de.

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10 Kommentare auf "Romane schreiben & Selfpublishing: Marah Woolf"

  1. […] hauptsächlich über Amazon generieren. Auch zahlreichen Selfpublisher_innen wie Marah Woolf (hier ein Interview mit ihr) oder Matthias Matting (hier im Interview) würde damit erheblich geschadet. Wäre das […]

  2. Pat McCraw sagt:

    Ganz tolles Interview! Vielen Dank dafür 🙂

  3. Sam sagt:

    Wsa die gedruckten Bücher angeht: Ich hab die Anfangs auch selber verschickt, inzwischen habe ich das Verschicken und Berechnen an einen Verlagsauslieferer abgegeben und bin damit sehr zufrieden.
    Ich lasse Auflagen drucken (zwischen 500 und 2000 Stück, je nach Buch), lass sie von der Druckerei an den Verlagsauslieferer schicken. Der zählt sie durch, lagert sie ein, verschickt sie auf Bestellung an den Buchhandel, schreibt die Rechnung. Vor allem war es mit ihm ein leichtes ins Barsortiment von Libri und KNV zu kommen, so dass meine Bücher über Nacht in ziemlich jedem Buchladen bestellbar sind – alleine das macht schon viel aus und ich kann es nur empfehlen!

  4. Nessa Altura sagt:

    Hallo Birte, sehr lesenswertes Interview. Manche Menschen sind eben erzählerische Naturtalente…beneidenswert. Und ein Jahr Schottland – ja, das gefiele mir auch. Danke für dies äußerst ausführliche Interview!
    Nessa

  5. Danke für diesen Artikel, interessanter Einblick;
    Sehr informativ, auch wenn ich denke, dass ein guter Verlag eine enorme Hilfe für einen Autor sein kann.
    Ist man mit einem Verlag erfolgreich, bleibt immer die Ungewissheit: vielleicht hätte es im selfpublishing ja genauso geklappt – und anders herum: wer weiss, was erst ein Verlag mit all seinen Kontakten aus meinem Buch hätte machen können 🙂 wie man’s macht, ist’s verkehrt!

  6. Ein tolles Interview mit einer sehr realistischen und passionierten Autorin! Danke dafür.
    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Verlage in Erstlinge nicht viel investieren. Die Covergestaltung wird über’n Kamm geschoren und ist nicht unbedingt das, nach dem die potenziellen Leser greifen würden (es hat schon Nachteile, wenn die Entscheider das Buch noch nicht mal gelesen haben), Werbung gibt es gar keine. Ich habe meinen bislang ersten und einzig veröffentlichten Roman bei Blanvalet untergebracht, um Leseexemplare für Zeitschriften und Medien musste ich bitten und das Cover haben sie gründlich vergeigt. Nachdem die Rechte an mich zurückgefallen sind, steht er jetzt als eBook bei Kindle mit einem Cover, das man in der U-Bahn nicht mehr verdecken muss und ich denke darüber nach, ihn auch als Taschenbuch neu herauszubringen. Nach meiner Erfahrung wird gerade im Belletristik-Bereich nur wenig dafür getan, hierzulande neue Talente zu fördern, da wird lieber auf Autoren zurückgegriffen, die sich bereits im Ausland bewährt haben, die müssen dann nur noch übersetzt und auf die Schiene gesetzt werden. Selfpublishing ist also unbedingt ein guter Weg für Autoren – auch wenn er vielleicht nicht die (auch nur vermeintliche) Sicherheit bietet, die man mit einem Verlag verbinden könnte. Und für gute Qualität kann jeder Autor mit der Beauftragung eines professionellen Lektors selber sorgen. Was übrigens fast das größte Verdienst meines Verlags war: Ich habe darüber meinen gestrengen Lektor kennengelernt.

  7. Ulrike sagt:

    Das waren genau die Fragen, die auch mich interessiert haben. Gutes Interview!!

  8. Susi sagt:

    Was für ein superspannendes Interview!! Danke!

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