IT-Journalismus und Selfpublishing: Matthias Matting

17. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Aktuell, Berufe, Interview
IT-Journalist & Selfpublisher Matthias Matting (Foto: privat)

IT-Journalist & Selfpublisher Matthias Matting (Foto: privat)

Matthias Matting ist Physiker, IT-Journalist, Gerätetester („Mattings Warentest“) und einer von Deutschlands erfolgreichsten Selbstverlegern. Er macht das alles nicht im stillen Kämmerlein, sondern teilt seine Erfahrungen auf Facebook und seit 2013 auch in einem eigenen Blog, der Selfpublisher-Bibel. Dieser Blog und Mattings Expertise als Selbstverleger haben ihm nun einen neuen, zusätzlichen Job eingebracht: er ist seit November 2013 bei der Münchner Verlagsgruppe (mvg) für die Entwicklung des E-Book-Programms zuständig.

IT-Journalismus & Selfpublishing
Interview mit Matthias Matting

Birte Vogel (bv): Herr Matting, als ich mir Ihr Portfolio angesehen habe, habe ich mich als erstes gefragt: wo nehmen Sie bloß die Zeit her für all das, was Sie machen?

Matthias Matting (MM): Dass das geht, hat eigentlich zwei Gründe. Ich bin beim Schreiben gut trainiert, weil ich so viel schreibe. Deshalb geht es schneller von der Hand. Und mein Leben ist so organisiert, dass ich drei Abende und Nächte nur für mich hab und da arbeiten kann.

bv: Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie sich eigene Deadlines setzen und dann stur drauflos schreiben, bis Sie Ihre Zeichenzahl erreicht haben, auch wenn es bis um zwei Uhr morgens dauert. Leidet darunter nicht auch die Textqualität, die Kreativität und/oder die Familie?

MM: Nö. Die Familie deshalb nicht, weil ich diese drei Nächte eh ohne sie verbringe. Ich arbeite ja auch nicht dauerhaft so, sondern nur in Phasen. Jetzt gerade schreib ich zum Beispiel an einem Krimi, der bis 31. Januar 2014 fertig sein soll. Momentan seh ich’s noch locker; wenn ich keine Lust hab, tu ich auch nix. Aber es kann sein, dass ich im Januar dann durchschreib. Denn ich mach das ja nicht alles alleine; ich habe für manche Aufgaben Leute vorab gebucht. Denen kann ich das nicht einfach zwei Wochen später schicken. Da hilft nix, da muss man ran.

bv: Und die Textqualität bleibt dabei nicht auf der Strecke?

MM: Ich hab nicht das Gefühl, dass sich das schnellere Arbeiten auf die Qualität auswirkt. Das kann man selber aber auch nicht so einschätzen. Am Anfang schreibt man sich ja eh erstmal ein. Am Ende ist man schon eingeschrieben und kennt seine Figuren. Da geht’s flüssiger. Und der selbstgesetzte Termin sorgt für die Disziplin.

bv: Im selben Interview sagten Sie, sie hätten fünf Projekte, die noch 2013 fertiggestellt sein sollten. Was für Projekte sind das, und wie steht’s um sie?

MM: Ich bin nicht sicher, ob ich alle geschafft hab. Mal sehen. Eins war „Schöner sterben. Kleine Mordkunde für Krimifans„. Die ist rechtzeitig fertig geworden. Das „Kindle Fire HDX. Das inoffizielle Handbuch“ ist fertig. So was muss natürlich zum Erscheinen des Gerätes da sein, sonst verschenkt man Zeit und gibt der Konkurrenz Raum. Der Krimi wird im Januar fertig. Dann habe ich eine E-Book-Luxusausgabe von „Venus im Pelz“ zur Premiere von Polanskis Verfilmung des Theaterstücks herausgegeben. Sie ist mit Erklärungen für Begriffe versehen, die Masoch teilweise selbst erfunden hat, und mit guten Bildern von Künstlern. Das Handbuch für das Tolino Tab ist verfügbar, das für den PocketBook E-Reader ist erst halbfertig. Das war aber nicht so vordringlich; das mach ich fertig, wenn Zeit ist. Bei Handbüchern muss man ja nicht allzu kreativ sein. Die kann man auch mal machen, wenn man grad keine kreative Phase hat.

Physik war ein unpolitisches Fach in der DDR

bv: Sie sind Physiker und haben 1993 Ihr Diplom an der TU Dresden zu folgendem Thema gemacht: „Untersuchungen zum Einsatz von Thermolumiszenzdetektoren des Typs LiF:Mg,Cu,P in der Umgebungsüberwachung“. Was genau sind Thermolumiszenzdetektoren?

MM: Die sehen aus wie Tabletten, und die trägt man beispielsweise als Arbeiter im Kernkraftwerk mit sich. Dann wird einmal im Monat ausgewertet, ob man eine bestimmte Menge Strahlung überschritten hat. Aber die sind jetzt, glaub ich, nicht mehr im Einsatz.

bv: Was war Ihr Ziel mit dem Physikstudium? Denn IT-Journalismus kann’s ja eigentlich nicht gewesen sein.

MM: Ich habe mit dem Studium vor dem Ende der DDR angefangen. Physik ist ein unpolitisches Fach, ist nicht weltanschauungsabhängig. Da lief man nicht Gefahr, in irgendwas reinzukommen. Journalismus fand ich immer schon spannend, aber ich hätte in der DDR nicht Journalist sein wollen, denn da hätte man schreiben müssen, was die wollten. Physik ist aber auch ein spannendes Fach. Wenn ich jetzt nichts zu tun hätte, würde ich nochmal in die Forschung der Quantenphysik einsteigen.

bv: Warum sind Sie direkt nach Ihrer Diplomarbeit in den Journalismus gewechselt? Weil die Mauer gefallen war?

MM: Ich habe mich immer für Computer interessiert. Parallel zum Studium hatte ich ein kleines Gewerbe, habe Disketten mit Software für den Commodore für 2 Mark verkauft. Und ich hab ein Fanzine zum C64 gemacht, es selbst kopiert und vertrieben. Vor der Diplomarbeit hatte ich dann schon ein Angebot von MagnaMedia, einem Münchner Verlag, der Redakteure für eine 64er Zeitschrift suchte. Das fand ich spannend, und in der Physik war’s damals schwer, Arbeit zu finden. Inzwischen sind Physiker wieder heiß begehrt, aber damals eben nicht. Und dann hatte ich Glück, denn der, den sie im Verlag eigentlich genommen hatten, war nicht erschienen. Da haben sie mich angerufen, und so bin ich nach München gezogen.

bv: Was interessiert Sie an den Themen Software, Spiele, Internet usw.?

MM: Mich faszinieren die neuen Möglichkeiten, die die Technik bietet. Das fängt ja immer so im Kleinen an und wird irgendwann groß. Ich war zum Beispiel einer der ersten, die in Deutschland eine Mailbox hatten. Ich konnte sogar E-Mails nach Australien schicken, die dauerten damals nur einen Tag und waren kostenlos. Ich fand’s interessant, was man mit Technik alles machen kann, was man früher für nicht möglich gehalten hatte.

Ich will Sachen machen, die Spaß machen

bv: Sie schreiben aber nicht nur über IT-Themen, sondern nach wie vor über Themen Ihres Ursprungsgebietes, so was wie „Die Unsterblichkeit der schwarzen Löcher“ oder „Wie ein Mensch wirklich stirbt“ für Telepolis. Das sind alles sehr unterschiedliche Themen, die man wahrscheinlich auch als Diplomphysiker nicht mal eben runterschreiben kann. Zumal Sie außerdem u. a. Handbücher und Romane schreiben, diese selbst verlegen und dazu noch einen Blog betreiben. Wie schaffen Sie es, zwischen diesen vielen Themenbereichen hin- und herzuspringen? Das verlangt ja viel Konzentrationsfähigkeit und Disziplin.

MM: Das sind aber keine ganz neuen Themen für mich. Ich kenne ja die Hintergründe und muss mich nur immer in die jeweilige neue Entwicklung einarbeiten. Die Artikel für Telepolis basieren meist auf neuen Veröffentlichungen in „Nature“ oder „Science“. Da muss ich gar nicht mehr allzu viel nachlesen, weil ich die Veröffentlichung verstehe und sie einordnen kann.

bv: Sie sind seit 12 Jahren IT- und Technik-Redakteur beim FOCUS …

MM: Nein, ich bin seit einem Monat nicht mehr dort. Seit November arbeite ich für die Münchner Verlagsgruppe (mvg, Anm. d. Red.) und bin da für die Programmleitung der E-Books zuständig, entwickle das Digitalgeschäft weiter, entwickle neue E-Book-Reihen und betreue sie marketingtechnisch.

bv: Warum dieser Schritt?

MM: Das passt jetzt noch besser zu dem, was ich vorher neben dem FOCUS gemacht habe. Mit über 50 nochmal ganz neu anzufangen geht ja auch nicht.

bv: Nicht unbedingt. Zwei meiner Interviewpartner, Ernst-Richard Köper und  Wolf Kasse, haben beide mit über 50 nochmal neu angefangen – Köper hat ein Online-Nachrichtenportal mitgegründet, Kasse hat eine Zeitung gegründet.

MM: Für mich war aber nach zwölf Jahren ein Wechsel auch mal gut. Bei der mvg mach ich das gleiche, was ich für meine eigenen E-Books mache. Das befruchtet sich gegenseitig.

bv: Sind Ihre Warentests damit Vergangenheit?

MM: Nein, „Mattings Warentest“ mache ich weiter. Das sind ja die Sachen, die Spaß machen. Die will ich auch weiterhin machen.

Es muss gar kein Bestseller sein; Midlist reicht

bv: Was hat denn keinen Spaß gemacht?

MM: Keinen Spaß gemacht hat, dass es in einer Redaktion auch Reibungsverluste gibt. Wenn man nicht sein eigener Chef ist, muss man Sachen machen, weil der Chef sie gern haben möchte, aber nicht, weil man sie selbst gern macht. Mir geht’s jetzt durch das E-Book-Geschäft relativ komfortabel. Ich bin nicht auf diese Arbeit angewiesen.

bv: Das E-Book-Geschäft generiert sich aus Ihren mittlerweile etwa 50 Büchern, die Sie selbst geschrieben oder herausgegeben haben. In welchem Zeitraum ist das geschehen?

MM: Seit 2011. Aber darunter waren auch einige Wörterbücher, die ich habe schreiben lassen.

bv: Unter diesen Büchern war auch schon ein Bestseller, nämlich das inoffizielle „Kindle Handbuch“.

MM: Dass das Kindle-Handbuch so lange in den Top 100 war, war nicht zu erwarten. Aber ich habe ja mehrere E-Books in der Midlist.

bv: Midlist heißt, dass die Bücher keine Bestseller sind, sich aber im Verkauf über längeren Zeitraum gut im Mittelfeld halten.

MM: Und genau so hatte ich mir das auch vorgestellt. Es muss gar kein Bestseller dabei sein. Es reicht ja, wenn mehrere Bücher in der Midlist sind, also jeweils um die zehn Stück am Tag verkaufen. Ich schreibe ohnehin Bücher, die eher langlebig sind, Themen, die sich auch in zwei Jahren hoffentlich noch halten.

bv: Ist das Ihr Erfolgsgeheimnis?

MM: Es ist gar kein Geheimnis, denn ich rede ja öffentlich darüber. Aber ja, das ist eine meiner Strategien.

bv: Hat Sie Ihr Erfolg sehr überrascht?

MM: Ja. Es war ja eigentlich nur ein Versuch, mal auszuprobieren, wie das alles funktioniert. Ein Versandhauschef (Rainer Wolf von arktis.de, Anm. d. Red.) hatte ein Buch über KDP geschrieben und dann Pressemitteilungen herausgegeben, dass sich das Buch gut verkauft. Ich wollte mal ausprobieren, ob das stimmt, und habe ein eigenes Buch herausgebracht. Überraschenderweise hat das wirklich funktioniert. Damals war das Angebot an selbst veröffentlichten Titeln geringer, und die Verkaufszahlen waren vergleichsweise hoch.

Ein Buch verkauft sich über die Geschichten

bv: Hatten Sie viel Konkurrenz für Ihr Kindle-Handbuch?

MM: Es gab von Anfang an Konkurrenzprodukte. Eins wurde dann schwierig, weil der Autor mit etwas unfairen Mitteln gearbeitet hat. Es sind nicht alle Kollegen nett, manche können nicht mit dem Erfolg anderer umgehen. Es gab da ein paar gefakte Rezensionen zu meinem Buch, heute würde man sie Hass-Rezensionen nennen. Aber das war ein bisschen ungeschickt gemacht und leicht aufzudecken. Seitdem ist mir das nicht mehr passiert. Inzwischen ist das Buch auch eine Marke. Die Leute sehen die Rezensionen und haben so viel Vertrauen darein, dass sie erstmal mein Buch kaufen. Ich hab aber auch nichts dagegen, wenn sie noch andere kaufen. Das ist für den Markt ja eher gut.

bv: Wie erklären Sie sich den Erfolg des Kindle-Handbuches, obwohl Sie, wie Sie selbst sagen, die typischen Anfängerfehler gemacht haben: selbstgemachtes Cover, kein Lektorat usw.? Zumal es 2011 ja überhaupt noch kaum E-Book-Reader gab.

MM: Die Deutschen lesen gerne Handbücher. Und der neue Kindle Keyboard war da gerade erst erschienen, hatte nur eine englische Benutzeroberfläche, die viele nicht verstanden haben. So hat der Inhalt das Buch verkauft, nicht die Form. Ein Buch verkauft sich vor allem über die Geschichten, nicht das Drumherum. Für die Leser steht die Geschichte vor dem Äußeren. Wenn’s eine tolle Geschichte ist, dann ignorieren Leser auch Fehler oder ein schlechtes Cover.

bv: Das sind ja gute Nachrichten für die vielen Neulinge im E-Book-Geschäft, die nicht einmal Geld in ein Korrektorat ihrer eigenen Werke investieren wollen.

MM: Stimmt, aber wer neu einsteigt und damit Erfolg hat, verwendet das Geld in der Regel dafür, fürs selbe Buch ein Lektorat und ein Cover machen zu lassen. Das zweite Buch sieht dann auch ganz anders aus.

bv: Sie sind einer von Deutschlands bekanntesten Selbstverlegern, denn seit März 2013 betreiben Sie nun auch noch einen Blog übers Selfpublishing. Aber eigentlich hatten Sie geplant, die „Selfpublisher-Bibel“ als Buch herauszubringen, und zwar über eine Crowdfunding-Kampagne bei Startnext, die dann aber nicht genügend Geld zusammengebracht hat. Warum haben Sie das Buch nicht einfach so rausgebracht, sondern schreiben stattdessen einen kostenlosen Blog?

MM: Ich überlegte, warum das mit dem Buch nicht geklappt hat und wie man den Inhalt trotzdem weitergeben kann. Meine Schlussfolgerung war, dass so etwas als gebundenes Wissen wie die Katze im Sack ist. Ich war zwar vorher schon einigermaßen bekannt, aber um eine „Bibel“ herauszubringen, war ich noch nicht bekannt genug. Mit einem Blog kann man sich aber als Experte profilieren und darstellen.

Ohne Selbstmarketing ist man ein Niemand

bv: Ist eine solche aktive Selbstvermarktung also sehr wichtig für SelbstverlegerInnen?

MM: Ohne Selbstmarketing ist man ein Niemand. Da ist es Zufall, ob man Leser findet oder nicht. Es ist egal, ob es ein Verlag oder ein Selbstverlag ist – das Selbstmarketing entscheidet über Verkaufen oder Nicht-Verkaufen, es ist die Grundvoraussetzung, um gelesen zu werden. Selbst wenn man in einem Verlag veröffentlicht, ist die Selbstvermarktung heute im Normalfall ja die Aufgabe des Autors, denn die Zeiten sind vorbei, als die Verlage noch das Marketing machten. Ich hätte aber nicht gedacht, dass die „Selfpublisherbibel“ so schnell Fans gewinnt.

bv: Man nennt Sie ja schon den Selfpublishing-„Papst“ …

MM: (lacht)

bv: … Ist Ihnen das unangenehm?

MM: Das ist schon nett. Und es hilft ja auch dabei, meine eigenen Bücher zu vermarkten. Allein dadurch, dass die Plattform jede Menge Zugriffe hat und sehr gut bei Google verlinkt ist, stehe ich auch mit meinen Büchern relativ weit oben. Und es hat Auswirkungen auf meine Arbeit. Die mvg ist von selbst auf mich zugekommen; ich hatte gar nicht nach einem neuen Job gesucht.

bv: Wenn man nun kein Selfpublishing-Papst ist, was kann man tun, um die selbstverlegten Bücher gut zu vermarkten?

MM: Bei meinen Büchern mach ich das, was ich auch in der Selfpublisherbibel beschreibe: das Wichtigste ist, dass man die Bücher am Anfang sichtbar macht. Da spielt Facebook gar nicht die Riesenrolle, die ihm gern zugeschrieben wird. Letztlich funktioniert’s über den Preis. Man verkauft es mal für drei Tage für 99 Cent und macht die Aktion entsprechend populär über entsprechende Kanäle wie xtme etc. Das bringt das Ranking, und so wird es gesehen. Danach kann ich den Preis wieder hochstellen, und es verkauft sich.

bv: Sie sagten eben, Facebook spiele gar nicht so die große Rolle für die Sichtbarkeit. Wie wichtig war es aber dennoch für Ihren Roman „Meltworld Shanghai„, dass die Hauptperson Hannah Harlof vorher schon auf Facebook aktiv war? Sie hat dort bislang 208 Freunde, was aber aus Marketingsicht nicht sehr viel ist.

MM: Damals war da schon relative Aktivität. Es lief aber nicht so sehr über Facebook. In den Blogs wurde mehr über dieses Buch berichtet. Facebook war da nur ein zusätzliches Element. Die Leute konnten Hannah folgen und sehen, dass sie aktiv ist. Man kann heute noch alles von damals nachlesen, und die Realität ist ins Buch hineingezogen oder mit dem Buch verschmolzen, was auch der Titel ein bisschen widerspiegeln sollte.

Das Produkt sollte sich von einem Verlagsprodukt nicht unterscheiden

bv: Würden Sie das noch einmal so machen?

MM: Das würde ich nochmal machen, wenn es sich vom Thema her anbietet. Hannah Harlof hatte auf die Blogger abgezielt. Die werden von den Verlagen mit Rezensionsexemplaren überhäuft, weil sie erkannt haben, dass die Blogger wichtige Multiplikatoren sind. Daher ist es erst recht schwer für Selfpublisher, ein Buch vorzuschlagen. Als ich das damals gemacht habe, hatte ich deren Rolle allerdings überschätzt. Das Wichtigste sind die Rezensionen bei Amazon, nicht, was die Buchblogger schreiben. Inzwischen würde ich für einen Erstverkauf eher mit Lovelybooks arbeiten.

bv: Nimmt Lovelybooks denn jetzt SelbstverlegerInnen an?

MM: Viele Selfpublisher werden immer noch abgelehnt. Lovelybooks gehört zur Holtzbrinck Verlagsgruppe, deshalb gibt es da eine künstliche Schranke. Aber man kann auch ohne „Autorenfeder“ (Kennzeichnung für AutorInnen mit Verlagsveröffentlichung, Anm. d. Red.) Leserunden veranstalten. Und die bringen Rezensionen, die ein wichtiges Zeichen für Leser sind, dass das kein Schrott ist.

bv: Sie haben damals außerdem vorab echte Postkarten von Hannah Harlof  aus Shanghai an die BuchbloggerInnen geschrieben. Hat es irgendjemanden gewundert, dass die Postkarten zwar mit einem Mädchennamen unterschrieben, aber recht eindeutig in einer Männerhandschrift geschrieben waren?

MM: Ist das eine Männerhandschrift? Nein, davon habe ich nichts gehört.

bv: Wie war das Feedback auf diese Postkartenaktion?

MM: Es gab schönes Feedback, sowohl bei Facebook im Account von Hannah Harlof als auch bei Bloggern. Einige waren ein bisschen erschrocken, weil sie von einer wildfremden Person eine Karte bekamen, die in ihren Ohren ein bisschen bedrohlich klang. (s. z. B. hier, Anm. d. Red.) Das hatte ich vorher nicht gedacht. Mir ging es ja nur darum, schon vorab Aufmerksamkeit auf das Buch zu lenken.

bv: Sie haben für dieses Buch außerdem eine Website und einen Buchtrailer für Youtube herstellen lassen, der grafisch sehr aufwändig aussieht. Nun hat er aktuell 462 Klicks – haben sich die Arbeit und die Investition dennoch gelohnt?

MM: Bei „Meltworld Shanghai“ ging’s mir darum, das Ganze möglichst professionell aufzuziehen. Das Marketing sollte sich in keiner Weise von dem eines Verlags unterscheiden. Man kann nicht sagen, ob der Trailer sich gelohnt hat. Ohne ihn hätte sich das Buch wahrscheinlich ebenso verkauft. Aber es sollte schon für einen Selfpublisher das Ziel sein, ein Produkt anzubieten, dass sich von einem Verlagsprodukt nicht unterscheiden lässt. Wenn man nicht die Ressourcen hat, sollte man so etwas besser weglassen. Es sollte nicht aussehen wie ein Hobby.

Das Leben muss ja auch bezahlt werden

bv: Ihr E-Book „Reise nach Fukushima“ wurde von „derneuebuchpreis.de“ ausgezeichnet, kam aber, den Rezensionen auf Amazon nach zu urteilen, bei den LeserInnen nicht so gut an. Wie gehen Sie als selbstverlegender Autor mit dieser Diskrepanz um, wenn Sie keinen Verlag im Rücken haben, der Sie fürs nächste Buch wieder aufbaut?

MM: Dieses Buch war auch nur ein Versuch. Es ist im Hinblick auf den Buchpreis entstanden, denn ich wusste, was unter denen, die den Preis ausloben, gewünscht wurde. Zufälligerweise war ich zu der Zeit grad in Fukushima und konnte das, was gesucht wurde, dann liefern. Verlage suchen eine Bezahlform für die Langform des Journalismus. Amazon versucht ja, angereicherte Printtexte mit den Kindle Singles zu popularisieren. Verkauft hat sich das Buch nicht wirklich. Aber ich glaube, das liegt am Thema. Es ist ein kontroverses Thema, und es weicht von der These ab, dass die Atomkatastrophe nicht allein das Schlimmste ist, was den Menschen dort geschehen ist. Das wurde mir dort auch bestätigt. Aber E-Books verkauft man am meisten in den üblichen Genres. Fukushima verkauft man eher mit einer Spiegel- oder FOCUS-Sonderausgabe.

bv: Sie haben dann, nach all den Wörter- und Handbüchern auch zwei Romane geschrieben: „Bèishā – Getötet“ und „Meltworld Shanghai“, die beide in China spielen. Warum China?

MM: Ich finde Shanghai ganz toll. Mein erster Eindruck von der Stadt war, dass sie geradezu nach Fantasy schreit.

bv: Wieso waren Sie überhaupt in Shanghai?

MM: Ich glaub, es war etwas Dienstliches, aber ich weiß das nicht mehr so genau. Als Location war die Stadt ideal, und das war der Anschub für beide Bücher. Als Leser finde ich es auch immer schön, wenn ich merke, dass der Ort eine Rolle spielt, wenn die Stadt in der Geschichte mitspielt. Ich interessiere mich auch für fremde Länder, also sind diese Bücher eher aus meinen persönlichen Interessen heraus entstanden.

bv: Werden Sie die Handbücher dann jetzt ad acta legen?

MM: Handbücher werd ich auf jeden Fall weitermachen. Das Leben muss ja auch bezahlt werden. Ich hab da auch einen guten Ruf und werde sicher weitere Sachen ausprobieren. Comedy oder romantische Frauenunterhaltung werd ich aber nicht schreiben, weil ich das selber nicht gerne lese.

Selbstverlagsprivileg bei Vermarktung eigener Texte

bv: Viele selbstverlegende AutorInnen sagen, dass der direkte Kontakt zu den LeserInnen enorm wichtig sei. Ist er das bei Ihnen auch? Selbst bei den Handbüchern?

MM: Der ist bei Handbüchern besonders wichtig. Da bekomme ich mehr Anfragen als bei den belletristischen Sachen. Die Leute fragen mich um Rat, wenn sie ein Problem haben. Das Beantworten gehört für mich zum Service dazu. Heute waren’s zum Beispiel zwei Mails zu unterschiedlichen Geräten. In der Regel kann ich schnell helfen. Aber so etwas hat ja auch den Vorteil, dass ich dann dazuschreiben kann: „Ach, übrigens, ich freu mich, wenn sie mein Buch rezensieren.“ Das Beste ist, wenn das ein Leser tut, nachdem man ihm grad geholfen hat.

bv: Sie haben auch Bücher unter einem anderen Namen veröffentlicht – warum?

MM: Je nach Genre kann es vorteilhaft sein, wenn so ein Buch nicht mit dem eigenem Namen in Verbindung gebracht wird. Bestimmte Namen erwecken bestimmte Erwartungen. Wenn jemand für Handbücher und „Die Geschichte des Universums“ bekannt ist, erwartet man von dem nicht unbedingt Krimis. Mein nächster Krimi wird deshalb unter einem anderem Namen veröffentlicht werden. So soll nicht vom Namen auf den Inhalt geschlossen werden.

bv: Mussten Sie eigentlich für Ihre selbstverlegten Bücher ein Gewerbe anmelden?

MM: Nein, da gibt es das Selbstverlagsprivileg. Ich vermarkte ja meine eigenen Texte, und das zählt immer noch als freiberufliche Tätigkeit.

bv: Sie waren bislang beim FOCUS fest angestellt, und jetzt sind Sie fest bei der mvg. Welche Vorteile hat das, teils fest, teils frei zu arbeiten?

MM: Beim FOCUS war ich noch zu 75% der Arbeitszeit angestellt, jetzt sind es zu 50%. Das hat ganz praktische Vorteile: da bezahlt mir jemand die Kranken- und Rentenversicherung. Das läuft weiter, ohne dass ich mir Gedanken darum machen muss. Und es gibt eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich habe auch Familie – da wäre es schwieriger, wenn ich nur auf die Einnahmen aus der Autorenschaft angewiesen wäre. Außerdem ist es ein sehr abwechslungsreiches Arbeitsleben. Ich kann sehr viel selbstbestimmt machen, ich komme mit sehr unterschiedlichen Bereichen in Kontakt, und durch die Arbeit im Verlag lerne ich jetzt immer besser, wie die Branche funktioniert.

Mit Spezialwissen hat man einen Vorteil

bv: Welche Arbeitszeiten haben Sie?

MM: Ganz normale Bürozeiten, auch wenn ich zu Hause arbeite. Ich muss ohnehin früh aufstehen, weil mein Stiefsohn in die Schule muss. Und dann gibt es eben noch die drei Abende und Nächte pro Woche, an denen ich meine Bücher schreibe.

bv: Sie sind seit 20 Jahren als IT-Redakteur tätig. Inwiefern hat sich die Branche seitdem verändert?

MM: Eigentlich hat sich die Branche selbst nicht verändert. Was sich aber verändert hat, sind die technischen Möglichkeiten und Produkte.

bv: Und was hat sich seitdem an der Honorarstruktur für IT-JournalistInnen getan?

MM: Es gab einen Knick 2001, als es den Zusammenbruch am Neuen Markt gab. Der hat die ganze IT-Branche getroffen, auch die Journalisten. Ansonsten geht’s der Branche nicht schlecht. Im Vergleich zu den Feld-, Wald- und Wiesenjournalisten haben die IT-Journalisten den Vorteil, dass sie ein Spezialwissen mitbringen, das seinen Wert nicht verliert, auch wenn man nicht angestellt ist. Deshalb geht’s denen durchschnittlich besser.

bv: Ist also eine solche Spezialisierung unbedingt anzuraten?

MM: Sobald man Spezialwissen vorzeigen kann, das nicht bei zig anderen Leuten abrufbar ist, die billiger arbeiten, hat man einen Vorteil.

bv: Wie hat sich die Auftragslage verändert?

MM: Sie hat sich insofern verändert, als dass weniger Aufträge vom Print kommen. Da läuft inzwischen viel mehr online. Aber Online wird schlechter bezahlt als Print. Die haben nicht die Einnahmen, die Print früher hatte. Das wird auf Dauer auch nicht viel besser werden. Aber man hat auch neue Einkommensmöglichkeiten, die man früher nicht hatte, z. B. über Blogs oder E-Books.

bv: Gibt es denn reine Onlinejobs in Festanstellung für IT-JournalistInnen?

MM: Ja, z. B. bei c’t, bei FOCUS online oder bei Golem.de.

Einfach ausprobieren und machen

bv: Was planen Sie für die Zukunft? Weiter mehrgleisig zu fahren oder sich doch auf ein Feld zu beschränken?

MM: Ich würde mich ungern auf eine bestimmte Schiene verlegen. Nur Handbücher zu schreiben, wär mir zu stupide. Auch Krimis allein wären mir zu öde. Ich bin schon in der sehr schönen Lage, so viele verschiedene Sachen machen zu können. Ich lerne mehr und es kommt keine Langeweile auf. Und dann will ich noch neue Webprojekte für Autoren und für Bücher entwickeln, z. B. ein Portal, über das man Bücher nach bestimmten Stichpunkten findet. Wenn man wissen will, wo ein Dieter vorkommt oder welches Buch 1933 in Hannover spielt, findet das Portal bookplaces.de dann die entsprechenden Titel raus. Das fand ich immer schon eine coole Idee.

bv: Wenn jemand in den IT-Journalismus möchte – welche Voraussetzungen wären dafür nötig?

MM: Man sollte sich natürlich für Technik interessieren. Man sollte in der Lage und willens sein, verständlich zu schreiben. Der Willen ist gerade im Wissenschaftsjournalismus nicht ganz unwichtig, denn der ist ja ein Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Korrektheit und Verständlichkeit.

bv: Das sagte auch die Wissenschaftsjournalistin Regina Bartel im Interview mit „Schreiben als Beruf“.

MM: Wenn ein Leser das konsumieren und verstehen soll, muss man ein Gleichgewicht finden zwischen wissenschaftlicher und technischer Korrektheit und Verständlichkeit. Wenn Leser den Text nicht verstehen, hilft das ja keinem weiter.

bv: Wie kommt man denn in den IT-Journalismus?

MM: Einfach ausprobieren und machen. Wenn man Spaß an etwas hat, ist man meistens gut darin, und dann findet sich auch meistens eine Möglichkeit, damit Geld zu verdienen. Für Blogger ist es selten, dass sie mit dem Blog Geld verdienen. Aber irgendwann kommt einer, der den Blog gut findet und einem was anbietet. Solche Anfragen kommen aber erst bei einer gewissen Bekanntheit im Metier.

bv: Und wenn sich jemand den mühsamen Weg über den Journalismus sparen und lieber gleich ins SelbstverlegerInnen-Bestsellergeschäft einsteigen möchte – was braucht es dafür?

MM: Idealerweise sollte man sich für den Einstieg nicht gleich ein Gebiet aussuchen, in dem man nur mit einem Bestseller erfolgreich sein wird. Es gibt in dem Bereich zwar ein paar Leute, die sich jahrelang mit Hartz IV über Wasser gehalten haben, aber dieser Leidensweg würde mir nicht so liegen. Ich würde mit einem Thema anfangen, das im Mittelfeld liegt. Das ist erreichbarer.

bv: Was liegt denn bspw. im Mittelfeld?

MM: Sachbücher laufen sehr gut im Mittelfeld. Da gibt’s alles, vom Kochbuch über Gesundheitsratgeber bis zum Wandern. Nur das Auto ist, glaube ich, unterrepräsentiert. Da könnte ich mir so was wie „Das Buch zum Golf“ vorstellen. Es sollte aber ein persönliches Interesse mit drin sein, und man sollte Spaß an der Recherche haben, damit das alles nicht ausschließlich Arbeit ist.

bv: Herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Sie schreibt für Medien und Unternehmen über Themen aus Kultur, Natur- und Umweltschutz und Gesellschaft.
Für ihren Porträtband "Hannover persönlich" erhielt sie von der Leipziger Buchmesse und neobooks (Droemer Knaur) 2013 einen autoren@leipzig Award. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung. Mehr auf: http://birtevogel.de.

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5 Kommentare auf "IT-Journalismus und Selfpublishing: Matthias Matting"

  1. AspimLab sagt:

    Ein sehr sympathisches Interview. Seine Art macht Mut, esvanzugehen mit dem Schreiben. Vielen Dank.

  2. […] zahlreichen Selfpublisher_innen wie Marah Woolf (hier ein Interview mit ihr) oder Matthias Matting (hier im Interview) würde damit erheblich geschadet. Wäre das […]

  3. Tolles und aufschlussreiches Interview, das viel Mut macht.

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